So! Das machen wir jetzt!
| Das Gespräch führte: Tina Thiele
»Wir müssen versuchen, alle Kollegen an Bord zu holen, damit wir genügend Kapital haben, die Dinge in Angriff zu nehmen, die wir in Angriff nehmen wollen.« (Michael Brandner / 1. Vorsitzender des BFFS)
Am 4. April hat sich aus der Deutsche Filmakademie heraus der Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) in Berlin gegründet. Unter den Gründungsmitgliedern befinden sich (in alphabetischer Reihenfolge) u.a.: Michael Brandner, Mathias Brandt, Oliver Broumis, Herbert Knaup, Hans-Werner Meyer, Antje Schmidt und Jasmin Tabatabai.
Den fünfköpfigen Vorstand bilden (in alphabetischer Reihenfolge): Michael Brandner, Oliver Broumis, Beate Jensen, Hans-Werner Meyer und Heinrich Schafmeister.
Der Verband dient der Vertretung der Interessen der Film- und Fernsehschauspieler und sieht sich als Partner der gesamten Filmwirtschaft mit dem Ziel, als kulturelle und politische Kraft dafür Sorge zu tragen, dass Film- und Fernsehschauspieler in Deutschland eine wahrnehmbare Lobby bekommen.
Warum gerade jetzt?
Wir haben festgestellt, dass in der Branche doch sehr viel Unwissenheit unter den Kollegen besteht. Wir sind ein Haufen von Einzelkämpfern, die eher einem Reporter das Herz ausschütten würden, als einem Kollegen. Und das ist das Problem, weil wir aufgrund dieser Einstellung als Berufsgruppe nicht Ernst genommen werden. Wir werden von allen Institutionen immer nur als Randerscheinung oder Ausnahmefall wahrgenommen und es gibt für uns keine Regeln. Regeln sind es aber, die wir brauchen, weil wir massive Probleme aus der Entwicklung der letzten Jahre haben.
Was sind das für Probleme?
Die Idee ist ja innerhalb der Akademie entstanden! Wie kam es genau dazu?
H.S.: Die Filmakademie war dennoch das Vehikel, wo wir Schauspieler es überhaupt einmal geschafft haben, außerhalb des Drehortes über unseren Beruf zu reden. Dadurch konnten wir mal in einer anderen Atmosphäre über unseren Beruf sprechen. Was in Deutschland schlichtweg – warum auch immer – das ist eine Philosophie für sich – bisher nicht statt gefunden hat.
Warum haben solche Gespräche in Deutschland nicht stattgefunden?
M.B.: Für mich ist das eine klare Geschichte. Du unterschreibst in deinen Verträgen, dass du nicht über deine Gage sprechen darfst. Das machst du beim Theater und später beim Film auch. Jede Gage ist individuell und wir haben ja keinerlei Tarifverträge und die Agenturen sowie die Schauspieler halten da schwer das Handtuch drüber.
H.S.: In Amerika ist das geregelt- ebenfalls in Frankreich, Österreich, in der Schweiz, in Italien und in England auch. Es hängt überhaupt mit der deutschen Mentalität zusammen. Der Beruf des Schauspielers ist in Deutschland nicht anerkannt. Wir werden nicht geliebt. Wenn du ein Promi bist, dann bist du anerkannt. Doch Schauspieler sucht Wohnung würde keiner sagen. Entweder würde man schreiben Filmstar sucht Wohnung oder man würde schreiben Angestellter des öffentlichen Dienstes sucht Wohnung. In der Schweiz und Amerika würdest du in das Inserat Schauspieler schreiben. In Amerika sind es Actors, das sind Handelnde. Der Beruf ist geachtet, ob du Taxi fährst oder nicht. Hier muss man schon bescheuert sein, um auf die Bühne zu gehen. Wir sind alle bescheuert genug, es zu machen. Wir sind Schauspieler, das hat ja mit Kunst, mit nicht greifbar, zu tun. Wir sind zwar vielfach arbeitslos und es gibt Hartz IV und wir können uns keine Brötchen leisten und keine Krankheitsabsicherung. Wir leben in einer anderen Welt.
Glaubt Ihr, dass eine Interessengemeinschaft dies von heute auf morgen ändern kann?
H.S.: Wir machen uns nichts vor. Die SAG ist 80 Jahre alt. Das ist natürlich ein Fernziel, wenn eben auch nicht auf Gewerkschaftsebene. Festzuhalten ist, dass in Deutschland sich die ganze Gesellschaft momentan im ungeordneten Rückzug befindet, was man ja auch im politischen Alltag gerade sehen kann. In den Zeiten, wo wir noch die fetten Jahre hatten, war unser Berufszweig aber auch nicht anerkannt. Doch jetzt wo es richtig hart kommt und schon ganz andere Leute vor dem Arbeitsamt in der Schlange stehen, werden wir wach gerüttelt.
Welche Ziele verfolgt der BFFS?
M.B.: Erstes und wichtigstes Ziel ist die Neugestaltung der arbeits- und sozialrechtlichen Regeln, unter denen wir arbeiten. Die gegenwärtige Situation ist unhaltbar. Wir zahlen Höchstsätze in die Arbeitslosenversicherung und haben keine Möglichkeit, sie je in Anspruch zu nehmen. Auch die Bundesregierung hat inzwischen verstanden, dass die Hartz IV-Gesetze die Arbeitsbedingungen der gesamten Berufssparte der so genannten „unständig Beschäftigten“ übersehen haben. Das betrifft ja nicht nur Schauspieler, sondern sämtliche Filmschaffende und andere Künstler. Aber woher sollen Politiker unsere Arbeitsbedingungen und Bedürfnisse kennen, wenn wir sie ihnen gegenüber nicht kommunizieren und bei der Gestaltung der Regeln mitwirken, unter denen wir in der Zukunft arbeiten werden. Und wie sind die Regelungen in anderen europäischen Ländern, in denen es übrigens – in allen! – seit langem einen funktionierenden Schauspielerverband gibt?
H.S.: Ein weiteres ganz wichtiges Ziel ist das (Wieder-) Erlangen des Respekts vor unserem Beruf sowohl von uns selbst, als auch in der Öffentlichkeit. Deshalb möchten wir unsere Kollegen dazu ermutigen, beizutreten. Es sind schon namhafte Kollegen dabei .Es geht um jeden einzelnen, egal ob Kino oder Soap-Darsteller. Wir brauchen viele Mitglieder, damit die Lobby groß genug wird und wir genügend Gelder haben, um unsere Vorhaben durchzusetzen zu können wie zum Beispiel Sozialprozesse zu führen und Anwälte zu bezahlen. Letztlich ist dies schon ein mittelfristiges bis langfristiges Ziel. Dafür muss man einen langen Atmen haben. Anders als in so manchen Filmen können sich Gerichtsprozesse über Jahre hinweg ziehen.
Wie soll die Kommunikation unter den BFFS-Mitgliedern von statten gehen?
H.S.: Das Internet wird das Abstimmungsmodul mit einem Diskussionsforum. Hier werden erst Mal die Modelle vorgestellt werden, um im Gespräch miteinander unsere Ziele inhaltlich genau zu definieren. Es sollen Arbeitsgruppen gebildet werden, die Themen vertiefend erarbeiten. Wir verstehen die Technik hier als Hilfe zur Selbsthilfe.
Es gibt ja auch Schauspieler, die keinen Computer haben. Was ist mit denen?
Wie kommuniziert der Vorstand untereinander?
Im Spiegel war kurz vor dem deutschen Filmpreis ein Artikel: Stars verzweifelt gesucht!Macht so was nicht wütend?
H.S.: Klar tut das weh. Die schrieben, dass bei der Verleihung der Deutschen Filmpreise die großen Stars fehlen - weil es sie hierzulande - unter der Nennung einiger Ausnahmen - praktisch nicht gibt. Selbst Schauspieler, die das Zeug dazu hätten, vermasseln oft ihre Karriere oder sie trauen sich nicht, ganz oben zu glänzen, wurde diagnostiziert.
Wie kann man es schaffen in der Öffentlichkeit ein realistisches Bild der Schauspieler als Berufsgruppe zu installieren?
Indem wir uns organisieren und "ein" Sprachrohr werden, dass von Achtung geprägt ist statt von Häme über Großverdiener ohne Charakter und das uns als Kulturträger ausweist. Dabei geht es nicht darum, Sonderkonditionen für den einzelnen Berufszweig des Film- und Fernsehschauspielers durchzusetzen, sondern repräsentativ für Betroffene einer großen Berufsgruppe bisherige Missstände als gesellschaftlich relevantes Problem aufzuzeigen und zu beheben.
Vielen Dank für das Gespräch!
Tina Thiele
Das Ergebnis der Meinungsumfrage können Sie sich hier als PDF herunterladen. Gefragt wurde: Was halten Sie von der Neugründung des Bundesverbandes der Film- und Fernsehschauspieler?