Schauspielagent Georg Georgie: „Es ist wichtig, das größere Bild zu verstehen.“
| Carmen Molinar
Ein Blick auf Illusionen im Filmgeschäft, fehlende Perspektivwechsel und die Notwendigkeit für Schauspieler*innen, das System hinter der Kamera besser zu verstehen.
Luci Lennox vergleicht das Verhältnis zwischen Agent*in und Schauspieler*in mit einer Ehe. Was ist Dir wichtig?
Mir ist wichtig, dass diese Ehe niemals ein Kindergarten wird. Es ist wichtig, das größere Bild zu verstehen, in dem beide Partner arbeiten.
Nehmen wir mal an, unsere Ehe ist ein Boot: Da müssen wir das Meer ,auf dem wir segeln, verstehen und auch, was oben und was unten ist, wie der Wind weht usw. Ein großes Problem ist, dass Schauspieler*innen sehr oft nur sich selbst im Fokus haben und sich nicht die Mühe machen, die anderen Gewerke wie Casting, Regie, Produktion in der Art zu verstehen, wie sie arbeiten.
Film Business als Industrie ist oft eine Shareholder Industrie, bei der es leider gar nicht so viel um die Kunst des Filmemachens geht, wie wir uns vielleicht wünschen, sondern primär darum, Renditen zu erzielen. Und das ist nur einer der Fakten, die die Schauspieler*innen oft gar nicht auf dem Zettel haben, weil sie in einer Art Tunnel ihrer eigenen Projektion leben.
© Johanna Gunnberg
Weil sie die Arbeit der Agent*innen nicht verstehen?
Ein, wenn auch ein wenig stereotypes, doch zutreffendes Beispiel: Früher kamen Schauspieler*innen zu mir und hauten mir ein Paket mit 70 VHS-Kassetten auf den Tisch: „Verschick´ die mal an die Caster*innen“-Style. Und dann haben sie gedacht, jetzt sei ihre Arbeit getan. Ich habe dann manchmal gesagt, dass ich ihnen wünsche, dass da mal eine Kamera an den Tapes wäre, damit sie sehen können, ob das, was sie davon erwarten, wirklich eingelöst wird, bzw. wie groß die Differenz zu dem ist, was sie denken oder hoffen das passiert. Doch damit beschäftigen sich leider die Wenigsten - mit dem Reality Check.
Ich sehe dieses Problem auch oft in der Wahrnehmung von Schauspieler*innen und Regisseur*innen. Ein komplexes Problem, das an den Filmschulen oft eher auseinanderdividiert als zusammengefügt wurde.
Und so wird am Ende wenig miteinander und voneinander gelernt, aber viel und oft hierarchisch entschieden.
An was denkst Du da konkret?
Neugierig sein und versuchen, es herauszufinden. Versuchen, sich dafür zu interessieren. Und nicht nur für sich selbst nach dem Motto „Wie kriege ich die nächste Rolle?“, sondern Filme gucken, dann mit den Machern darüber reden. Der Rest passiert dann fast von selbst. Wirkliches, neugieriges Interesse an der Arbeit und am Anderen. Das ist keine Rocket Science; das ist in uns – wenn wir denn dazu noch Zugang haben und nicht alles auf Oberflächen projizieren, wie uns Social Media sehr sehr häufig spiegelt.
Meiner Ansicht nach müssen wir wieder zurück in diese Art von Garage, wo sich damals 5 Freund*innen getroffen haben um einen Film zu machen: Da gab es keine Einteilung, sondern nur Enthusiasmus und eine Art unbedingtes Excitement gegenüber einer Idee und es gab wenig, was die Freunde davon abhalten konnte, eine Idee nicht zu versuchen.
Auch deshalb bastle ich gerade an Formaten, in der diese „Garagen-Konstellation“ wieder mehr Sinn machen könnte, um zusammen Filme zu machen. Kurze Filme, vertikal gefilmt mit den Smartphones und Applikationen der Teilnehmer*innen. Um es in der Adaption von Kippenberger zu sagen: „Heute eine Idee, morgen einen kurzen Film“. Der Prozess des Machens als kollektive Erfahrung ist das Zentrum dieses neuen Formats eines Bootcamps mit einem angeschlossenen Festival.
Dabei geht es, ganz bewusst um den Prozess des gemeinsamen Machens, damit wir gegenseitig verstehen, dass Fehler zu machen ok ist, und Probleme zu lösen soziale Künstler*innen-Connections kreiert. Sozusagen „Growth through failure“.
Ich möchte die vielen Argumente des Nicht-Machens herausfordern, die unserer Bequemlichkeit so dienlich sind, weil sie ihr Recht geben, anstatt es wenigstens zu versuchen. Alles, was ich momentan erzähle, ist nicht nur film- sondern auch gesellschaftlich relevant. Wir müssen unbedingt wieder Argumente finden, die uns motivieren etwas zu versuchen, weil es nicht zu versuchen sich anfühlt wie etwas zu verpassen, etwas auszulassen. Leider wird durch Social Media und die Flut und auch die Geschwindigkeit an Informationen, mit der wir täglich bombardiert werden, Stress und Druck erzeugt. Und da wir uns daran gewöhnt haben, die ganze Zeit zugeballert zu werden (und selber noch mitballern), möchte ich eben eine Art Oldschool-Angebot machen.
Ok, wenn das nicht so wirklich funktioniert, wie können wir Schauspieler*innen denn versuchen, es besser zu machen?
Der einfachste Weg, sichtbar zu werden, ist dort hinzugehen, wo diese Kunstform ausgetauscht wird. Dort ist keiner an den Schauspielenden oder einem Talent-Agent interessiert, sondern nur am Zuschauenden und dem Austausch über den Film, der gezeigt wurde. Es geht hier also nicht um die Schauspieler*innen, die sich selbst vermarkten und ihren nächsten Job landen wollen.
Filme zu schauen kann ein wunderbarer Connection-Point zwischen Künstler*innen sein, durch den etwas Nachhaltiges wachsen kann, weil er nicht von vorgegebenem Interesse, sondern von erlebtem Austausch motiviert ist.
Viele Schauspielende wechseln ja die Agenturen, wenn sie einen bestimmten Bekanntheitsgrad haben. Wie stehst Du dazu?
Meiner Ansicht nach ist das ein einfacher Satz: Reisende soll man und kann man nicht aufhalten. Entliebte auch nicht. Also: Wenn die Business-Beziehung zu Ende ist, aus welchem Grund auch immer, dann ist die Beziehung zu Ende. Natürlich hatte ich das auch schon. Meistens habe ich gesagt: „Mach, probier es aus – aber trau dich auch, für den Fall, dass es nicht hinhaut, mich einfach wieder anzurufen. Keine Ahnung, wo ich dann bin, aber vielleicht machen wir dann von da aus einfach weiter.“
Ich habe schon mehrfach mit Klient*innen mehrfach zusammengearbeitet und arbeite aktuell wieder mit einem Klienten zusammen, mit dem ich schon zwei mal gearbeitet habe.
Das Problem ist eher die Art und Weise, wie Agent*innen, wie Agenturen mitunter miteinander umgehen. Und dabei will ich es hier belassen.
Du hast von dem berühmten Klick gesprochen beim Panel. Was bedeutet das genau für Dich?
Das kann ich dir nicht wirklich erklären. Ich kann es dir nur an dem Beispiel erklären, wie eine zwischenmenschliche Beziehung beginnt.
Bei mir passiert das oft über eine spürbare, spezielle Energie, die ein*e Künstler*in beim Ausüben ihrer Passion ausstrahlt. Hinzu kommt das Projekt, mit dem sich ein Künstler*in verbunden hat. Wenn ich dann eine Faszination spüre, dann beginne ich mich pro-aktiv für spezielle Künstler*innen zu interessieren.
Wenn jetzt zum Beispiel Schauspielende kommen, die noch keine*n Agent*in haben und an Dich herantreten, was wäre der beste Weg?
Mir zu schreiben! Als Mensch und nicht als Schauspieler*in, die*der sich mir als Option für das Roster von Talenten, mit denen ich arbeite, präsentiert und definitiv nicht als Schauspieler*in, die*der nicht die Homework getan hat und weiß, was ich mache, mit wem und im besten Fall, wie ich arbeite. Und ja: eine oder zwei selektive Szenen, aber definitiv nicht mehr, sonst fühlt es sich an, als würde die Person Streuobst über mir ausschütten. Kuratiertes Material erzählt immer etwas über den Kurator*in.
Thema Filmschulen ...
Eine Art Anekdote zum Thema Filmschulen – die aber vieles aus meiner Sicht auf dieses Thema wiedergibt: Ich bin mal gefragt worden, ob ich an einer großen deutschen Filmschule einen Workshop für RegisseurInnen geben würde.
Ich habe gesagt, mache ich gerne unter der Bedingung, dass ich mit den Regie-Studentinnen für drei Tage in den Wald gehe und sie nur ihr Handy und ein Objekt Ihrer Wahl mitnehmen und wir dann zusammen kurze Filme drehen... von einer Idee bis zum finalen Ergebnis.” Das war aber zu radikal für die Filmschule. Ich fand's schade... vielleicht mache ich das jetzt mit dem Bootcamp, von dem ich vorhin erzählt habe.
Und bezüglich der SchauspielerInnen, ich würde mir für sie wünschen, dass sie dort die Möglichkeit erhalten, nicht nur und immer wieder zu liefern – sondern motiviert werden, selbst kreativ zu sein und die Entwicklung von Charakteren und Konstellationen von Charakteren (dann ist man schon fast bei einer Story) selbstverantwortlich in Angriff nehmen, vorantreiben… weil dort einer der Ausgänge aus dem Dilemma liegt, mitunter als Service-Provider für eine Filmidee angesehen und im schlimmsten Fall behandelt zu werden…. Was leider häufiger vorkommt, als die meisten sich vorstellen können…
Letzte Frage zu Evolution: Du bist jetzt zum ersten Mal hier gewesen. Wie ist Dein Eindruck?
Ich mag es sehr hier! Und ein Beispiel, um das, was ich da in so einem kurzen Satz zu einem ganzen Festival sage, zu stützen: Ich finde die Musik für den Festival Trailer ganz großartig, weil ein Trailer das Programm des Festivals zusammenfasst & hier als eine Art Brückenbauer zwischen dem Festival und dem Zuschauer funktioniert, und es sogar schafft eine Stimmung anzuzetteln, dass die ZuschauerInnen mit dem Festival verbindet. Das ist die Aufgabe eines solchen Trailers. Dass Rainer dann auch noch ein bekannter Kameramann ist & deshalb die Kamerafrauen und -männer hier ein tolles, unkonventionelles Showcase als add on bekommen, was es so nicht auf vielen Filmfestivals gibt.
Und dass dann Sandra, die Direktorin des Festivals, vor den Festivalgästen steht und beim Abspielen des Trailers beginnt mitzutanzen - bedarf dann wohl kaum weiterer Kommentare über den Vibe dieses tollen Festivals.
Es war toll, Dich hier auf Mallorca beim Evolution Filmfest zu haben. Ich danke Dir für das Interview lieber Georg. Wenn ich nicht schon in einer beständigen und glücklichen Agenten-Ehe wäre, würde ich jetzt um Deine Hand anhalten.
Das Interview wurde beim 14. Ausgabe des Evolution Mallorca International Filmfestival geführt. Wenn ihr gerade einen Film fertig gestellt habt oder jetzt Lust bekommen habt, ein eigenes Projekt zu starten: Die Einreichungen für das 15. Evolution Mallorca International Filmfest (Oktober 26) laufen noch bis zum 13. August.
Carmen Molinar
Meine internationale Karriere habe ich dem Evolution Mallorca International Filmfestival zu verdanken.
Heute synchronisiere ich mich selbst für Netflix E/DE/USA.
Als Späteinsteigerin (die 7-jährige Ausbildung begann mit Mitte 40) werde ich oft mutig genannt, von anderen wahnsinnig.
Beide Seiten haben recht ... und dennoch ist Schauspiel genau das, was ich bis zum letzten Moment machen möchte.
Und als Oma von 5-jährigen Zwillingen ist jetzt mein Fokus auf Kinderfilm!
Seit 2 Jahren bin ich German Press Manager des EMIFF und hoffe in diesem Jahr auf noch mehr deutsche Beteiligung.
Also nur Mut, wenn ihr ein spannendes Projekt habt: Reicht es ein!
Ich freue mich drauf, Werbung für euch machen zu dürfen, wenn ihr dabei seid.
© cmc