Paula Poprawa: Constantin Film setzt auf Vertrauenspersonen am Set
| Redaktion
Nach den Debatten über Arbeitsbedingungen am Set und den Vorwürfen rund um Til-Schweiger-Produktionen stand Constantin Film vor einigen Jahren stark in der Kritik. Inzwischen wurde das Unternehmen mit dem Fair Film Award nominiert und ausgezeichnet – ein Zeichen dafür, dass sich Strukturen und die Arbeitskultur verändert haben.
Paula Poprawa arbeitet bei Constantin Film im Bereich Herstellung und ist Referentin der Geschäftsführung sowie der Gesamtherstellungsleitung. Zuvor war sie an mehreren Kinoproduktionen beteiligt, darunter „Elser“, „Nebel im August“, „Tannbach“ und „Vorwärts immer!“. In den vergangenen Jahren beschäftigt sie sich verstärkt mit Fragen der Arbeitskultur und strukturellen Veränderungen in der Filmproduktion.
Im Gespräch gibt sie uns Einblicke über die Konsequenzen aus den Ereignissen, neue Instrumente für bessere Arbeitsbedingungen mit dem Fokus auf die Rolle der Vertrauensperson am Set. Dabei wird deutlich: Sie versteht ihre Arbeit nicht nur als Aufgabe, sondern als echte Berufung für bessere Strukturen am Set.
© Mike Kraus
Nach der Debatte über Arbeitsbedingungen am Set erhält Constantin Film heute den Fair Film Award. Was hat sich seitdem konkret verändert?
Leider hatten wir damals diese Schlagzeilen. Unabhängig davon hatten wir uns im Unternehmen schon vorher Gedanken gemacht und ein Jahr zuvor einen Code of Conduct eingeführt. Die Idee war immer, diesen auch auf unsere Produktionen auszurollen. Als dann die Debatte rund um die Produktion aufkam, haben wir entschieden, diesen Schritt sofort umzusetzen.
Wir haben eine Taskforce gegründet – mit dem damaligen Geschäftsführer, Kolleg*innen aus Legal und der Herstellungsleitung – und uns gefragt: Was braucht es, um faire Arbeitsbedingungen am Set zu schaffen?
Dabei wurde uns klar, dass bestimmte Schlüsselpositionen am Set die Stimmung maßgeblich prägen – vor allem die Führungskräfte. Fachlich sind sie oft exzellent, aber Führungskompetenz wird selten vermittelt. Deshalb haben wir Führungskräfte-Workshops eingeführt, sogenannte HOD-Workshops für Heads of Department. Dort geht es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was Führung bedeutet und welche Verantwortung damit verbunden ist.
Welche konkreten Instrumente hat Constantin eingeführt, um sichere und respektvolle Arbeitsbedingungen am Set zu gewährleisten?
Allen voran haben wir eine Vertrauensperson am Set etabliert. Konflikte wird es immer geben – entscheidend ist, wie man damit umgeht. Die Vertrauensperson bietet eine geschützte Anlaufstelle. Crewmitglieder können sich dort vertraulich beraten lassen, wenn sie unsicher sind oder ein Problem ansprechen möchten.
Diese Gespräche bleiben vertraulich. Die Vertrauensperson hört zu und hilft dabei, die Situation einzuordnen und mögliche Wege zu besprechen.
Ein weiterer Bestandteil ist, dass auch der Cast stärker eingebunden wird. Schauspielerinnen und Schauspieler prägen die Kultur am Set ebenso. Deshalb werden auch sie über den Code of Conduct informiert und entsprechend gebrieft.
Was ist die Funktion einer Vertrauensperson?
Die Vertrauensperson hat vor allem eine Lotsenfunktion. Sie ist eine vertrauliche Ansprechpartnerin für Crewmitglieder. Ihre Aufgabe ist es nicht, Ermittlungen einzuleiten oder Konflikte offiziell zu verfolgen. Sie ist zunächst ausschließlich beratend tätig.
Man kann es vielleicht mit einer Apotheke vergleichen: Sie ist weder Arzt noch Psychologe, aber eine wichtige erste Anlaufstelle. Sie hilft, eine Situation einzuordnen und zeigt mögliche Wege auf.
Was gehört konkret zum Aufgabenbereich einer Vertrauensperson?
Im Kern ist es eine beratende Tätigkeit: zuhören, Situationen einordnen und bei Bedarf Kontakte vermitteln.
Wenn die betroffene Person es wünscht und die Schweigepflicht aufhebt, kann die Vertrauensperson auch begleiten – etwa bei Gesprächen. Grundsätzlich bleibt ihre Rolle aber unterstützend und vertraulich.
Wie wird sichergestellt, dass die Vertrauensperson unabhängig arbeiten kann?
Die Vertrauensperson berichtet nicht über Inhalte von Gesprächen. Die Gespräche sind anonym und vertraulich. In unserem Fall wird die Position zwar vom Unternehmen bezahlt, aber es gibt keinerlei Auskunftspflicht darüber, was besprochen wird.
Welche Themen landen typischerweise zuerst bei der Vertrauensperson?
Sehr häufig sind es Kommunikationsprobleme. Filmteams kommen für ein Projekt zusammen, viele kennen sich vorher nicht und arbeiten unter hohem Zeitdruck. Da entstehen schnell Missverständnisse.
Hinzu kommen kulturelle Unterschiede oder Sprachbarrieren bei internationalen Produktionen. Manchmal geht es auch um Grenzüberschreitungen oder Diskriminierung – oder um die Frage, ob ein Verhalten noch in Ordnung ist oder nicht. Gerade zwischen Generationen gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man miteinander spricht und arbeitet.
Was sollten Betroffene tun, wenn es am Set zu sexueller Belästigung oder sexueller Gewalt kommt?
Hier kann die Vertrauensperson begleiten, hat aber keine Handlungsfunktion. Die Themis berät im Schnitt 16 Personen in der Woche - das sind 16 Fälle zu viel.
Bei sexueller Belästigung und sexueller Gewalt bittet die Vertrauensperson Betroffene ausdrücklich, sich an die Themis-Vertrauensstelle zu wenden. Sie berät und unterstützt Betroffene in solchen Fällen vertraulich. Sie ist telefonisch und über eine Chat-Funktion erreichbar: https://themis-vertrauensstelle.de
Wie wird die Vertrauensperson angenommen?
Die Vertrauensperson wird tatsächlich in Anspruch genommen, was wir anfangs gar nicht sicher wussten. Am Anfang gab es auch Skepsis. Manche befürchteten, es handele sich um eine Art Kontrollinstanz. Das ist aber ausdrücklich nicht der Fall.
Idealerweise wird sie gar nicht gebraucht, weil Konflikte im Team direkt geklärt werden. Genau darauf zielen auch unsere Workshops ab: eine Kultur zu schaffen, in der man miteinander spricht.
Wenn Menschen sich dennoch an sie wenden, geht es häufig darum, Situationen einzuordnen. Oft hilft schon ein Gespräch, um Klarheit zu bekommen – und viele Konflikte lassen sich danach selbst lösen.
Wie wird eine Vertrauensperson in eine Produktion eingebunden?
Wir arbeiten mit einem Pool von Vertrauenspersonen, die meist auch Coaching-Erfahrung haben. Zu Beginn einer Produktion gibt es ein Kick-off-Meeting, in dem wir überlegen, welche Maßnahmen sinnvoll sind.
Die Vertrauensperson wird früh vorgestellt, meist schon beim Start des Produktionsbüros per E-Mail. Beim Warm-up-Meeting trifft sie dann das Team persönlich. Das ist wichtig, damit die Hürde, sich später an sie zu wenden, möglichst niedrig ist.
Außerdem gibt es einen anonymen Feedback-Kanal über einen QR-Code, über den Crewmitglieder Rückmeldungen geben können.
Die Vertrauensperson bleibt übrigens auch während der Postproduktion erreichbar. Manche Themen tauchen erst auf, wenn der Dreh bereits vorbei ist.
Wie hat sich die Arbeitskultur am Set durch diese Maßnahmen verändert?
Ein entscheidender Punkt ist Kommunikation. Früher wurde vieles eher hinter vorgehaltener Hand besprochen. Heute reden die Menschen häufiger miteinander statt übereinander.
Im Kern geht es um Feedback. Wenn man ehrlich und respektvoll miteinander spricht, lassen sich viele Probleme früh klären.
Wie reagieren die Crewmitglieder auf diese Maßnahmen?
Das Feedback ist überwiegend positiv. Viele sind überrascht, wie hilfreich die Workshops sind.
Gerade Crewmitglieder schätzen die Möglichkeit, sich in einem geschützten Raum beraten zu lassen. Viele sagen, dass sie sich dadurch gesehen und ernst genommen fühlen.
Wie sieht für Dich ein faires und respektvolles Set aus?
Im Grunde ganz einfach: indem man sich an den Code of Conduct hält. Bei uns ist das ein kurzer Leitfaden, der sich am Respect Code Film orientiert. Dort ist sehr klar formuliert, wie respektvolle Zusammenarbeit aussehen kann.
Seit 2025 ist Laura Machutta Head of Production und Geschäftsführerin der Constantin Film. Wie erlebst Du die Haltung der Unternehmensführung zu diesem Thema?
Mit der neuen Geschäftsführung haben wir inzwischen einen verbindlichen Prozess etabliert. Früher haben wir vieles schon gemacht, aber es gab noch Spielräume. Heute ist klar: Bei jeder Produktion muss etwas passieren.
Natürlich unterscheiden sich große und kleine Produktionen. Aber es ist jetzt verpflichtend, Maßnahmen für faire Arbeitsbedingungen zu etablieren.
Welche Rolle könnten Förderinstitutionen spielen?
Ein wichtiger nächster Schritt wäre, dass die Kosten für solche Maßnahmen anerkannt werden. Im Moment werden sie oft noch nicht in Budgets berücksichtigt.
Wenn Förderinstitutionen oder Sender diese Strukturen stärker unterstützen würden, könnte sich das schneller in der Branche etablieren.
Wenn Du auf die Branche insgesamt schaust: Was müsste sich noch ändern?
Ein wichtiger Ansatzpunkt sind die Ausbildungsstätten. Wenn Filmhochschulen solche Themen von Anfang an vermitteln, wird es für die nächste Generation selbstverständlich.
Gleichzeitig braucht es Offenheit bei denen, die schon lange in der Branche arbeiten. Veränderungen werden nur funktionieren, wenn man bereit ist, neue Wege zu gehen.
Ein weiterer Punkt ist die Attraktivität der Branche. Wenn wir langfristig Nachwuchs gewinnen wollen, müssen wir zeigen, dass Filmproduktionen auch gute und faire Arbeitsplätze sein können.
Berufsbild und Weiterbildung „Vertrauensperson am Set“
Die Rolle der Vertrauensperson am Set entstand im Zuge des Respect Code Films (RCF), der branchenweite Leitlinien für respektvolle Zusammenarbeit formuliert hat. Federführend vorangetrieben wurde diese Entwicklung von Wiebke Wiesner (Produktionsallianz) gemeinsam mit Bernhard Störkmann (BFFS) und Mathias Fintel (ver.di).
Die Vertrauensperson gilt als präventives Instrument für ein gutes Arbeitsklima am Set: Sie ist eine vertrauliche Ansprechpartnerin für Crewmitglieder, hilft Konflikte früh einzuordnen und unterstützt dabei, die Prinzipien des Respect Code Film im Arbeitsalltag zu verankern. Die Weiterbildung dazu wurde von FAIR PLAY Film + Kultur entwickelt und wird gemeinsam mit dem Produktionsallianz Campus durchgeführt.
Im Zuge der Initiative von FAIR PLAY Film + Kultur absolvierte sie selbst die Weiterbildung zur Vertrauensperson am Set und war bereits an der Pilotphase beteiligt. Im Gespräch wird deutlich: Sie versteht ihre Arbeit nicht nur als Aufgabe, sondern als echte Berufung für bessere Strukturen am Set.
Weitere Vertrauenspersonen
Aida Begović arbeitet ebenfalls als zertifizierte Vertrauensperson im Film. Sie bringt eine vertiefte Perspektive zu Diversität und Antidiskriminierung mit ein. Ihr Portfolio umfasst außerdem diversitätsorientierte Organisationsberatung und Prozessbegleitung , Workshops sowie ihre Arbeit als Diversity & Inclusion Strategy Coordinator. Ein Interview mit ihr ist bereits bei uns erschienen.
Im Coachingbereich auf Casting Network findet Ihr in den kommenden Wochen weitere Kontaktdaten von Vertrauenspersonen. Schaut gerne auch beim Diversity Network vorbei!
Aida Begović
© privat
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