MoCap Actors Agency - Interview mit Alexandra Ohler
| Redaktion
Die MoCap Actors Agency wurde 2025 aus dem dringlichen Wunsch gegründet den Bereich Motion Capture und Performance Capture in Deutschland zu stärken und zu professionalisieren. Es ist die erste Agentur in Deutschland, die sich auf Motion Capture spezialisiert hat.
„Mit über 20 Jahren Erfahrung vor und hinter der Kamera und auf der Bühne gehe ich nun den nächsten Schritt. Als Tänzerin hat meine Karriere begonnen und mich über Schauspiel, Stand Up Comedy, Schauspiel-Coaching und Casting-Unterstützung, sowie persönliche Assistenz beim WDR bis hin zum Motion Capture geführt. Nun möchte ich in dieser Agentur alle Erfahrungen bündeln und durch meine Einblicke auf beiden Seiten zum wertschätzenden Umgang beitragen, von dem alle Seiten profitieren.“ (Agenturinhaberin Alexandra Ohler)
Wir vertreten erfahrene Motion-Capture-Schauspieler*innen für Film, Videospiele und Virtual-Reality-Projekte. Mit Profis, die ihr Handwerk beherrschen, spart man wertvolle Drehtage.
Unsere Schauspieler*innen haben alle eine überdurchschnittlich gute Körperbeherrschung und verfügen über ausreichend Erfahrung im Motion- und Performance Capture, damit Sie gleich loslegen können!
Zudem stehen alle Schauspieler*innen der Agentur auch für klassische Film- oder TV-Projekte zur Verfügung und können ebenfalls über uns angefragt werden.
Alexandra Ohler © MoCap
Wie bist Du auf die Idee gekommen, eine Agentur mit dem Fokus auf Motion Capture zu gründen?
Nachdem ich selbst als Schauspielerin mehrere Jahre im Bereich Motion Capture gearbeitet hatte, wollte ich wissen, wie ich da weiterkomme. Ich suchte nach Weiterbildungsmöglichkeiten, Workshops oder Agenturen und fand absolut nichts dergleichen in Deutschland. Zeitgleich suchte eine Casting Direktorin für ein internationales Projekt nach Schauspieler*innen aus Deutschland, die bereits Motion Capture gemacht haben. Sie erzählte mir, dass die Suche schwierig ist, weil die Datenbanken keine entsprechenden Filter haben. Da kam mir die Idee: ich suche die Schauspieler*innen zusammen und bündele sie in einer Agentur.
Was bedeutet Motion Capture überhaupt? (Bsp. bekannte Filme oder Computergames)
Motion Capture beschreibt die Herstellungsweise, also das Einfangen der Bewegung anhand vieler reflektierender Punkte, die an den Gelenken angebracht werden (Es gibt weitere Möglichkeiten, aber die mit den Punkten erkennt man sofort anhand der typischen Anzüge).
Es gibt bekannte Filme, wie „Avatar“ oder einzelne sehr bekannte Filmfiguren, wie z.B. Smaug (Benedict Cumberbatch) in „Der Hobbit“ oder Gollum (Andy Serkis) in „Der Herr der Ringe“, die mittels Motion Capture (bzw. Performance Capture) entstanden sind.
Genau genommen ist es in allen genannten Beispielen Performance Capture - das schließt die Aufnahmen der Gesichter, also das Einfangen der Mimik mit ein. Motion Capture beschränkt sich, wie der Name schon sagt, auf die Bewegungen des Körpers.
Welche besonderen Fähigkeiten oder Erfahrungen braucht man dafür oder welche sollten Deine Deine Klient*innen mitbringen
Grundsätzlich ist eine gute Schulung des Körpers sehr sinnvoll. Diese kann von Tanz, Yoga oder anderen Sportarten kommen. Es geht hierbei weder darum absolut athletisch und durchtrainiert zu sein, noch muss man unbedingt Kampfkunst, Stunts oder Tanz beherrschen. (Das kann für ein bestimmtes Projekt natürlich gefordert sein.)
Viel mehr geht es um eine sehr gute Körperwahrnehmung und -kontrolle im Hinblick auf die Vielfalt der Figuren, die man spielen kann. Die größte Herausforderung ist es (da man beim Motion Capture nur mit seinem Skelett spielt), seine eigenen „privaten“ Bewegungsabläufe abzulegen und jeder Rolle eine eigene Körperlichkeit zu verleihen.
Dazu kommt die Arbeit mit der Headcam. Diese öffnet weitere Gestaltungs- und Interpretationsräume neben der Sprache, die als weiterer Baustein eine Rolle formt.
In manchen Produktionen werden die Stimmen der Figuren von professionellen Sprecher*innen vor den Dreharbeiten eingesprochen. Man lernt also den Text seiner Rolle, hat aber bereits eine Interpretation, die von den aufgezeichneten Stimmen vorgegeben wird. Auch das Timing ist dadurch schon gegeben, man muss also bereit sein sein Schauspiel an diese Produktionsweise anzupassen. Es ist quasi wie Synchronisieren - nur andersherum.
Wem es wichtig ist, erkannt zu werden, sollte lieber die Finger von Motion Capture lassen. Das eigene Gesicht bleibt in den meisten Fällen unerkannt. (Dafür kann man quasi alles sein.)
Wie sieht der (Produktions-) Markt in Deutschland in diesem Bereich aus?
Tatsächlich werden die meisten Produktionen, für die Motion Capture angefragt wird, für die Spiele-Industrie hergestellt. Viele Spiele verwenden Cutscenes, um die Handlung voranzutreiben. Dort kann der/die Spieler*in nicht ins Geschehen eingreifen, sondern schaut sich diese wie eine Filmszene an. Dafür werden gerne Schauspieler*innen gecastet, weil es in den Szenen darum geht die Charaktere des Spiels glaubhaft und authentisch zu erzählen.
„Tarzan 3D“ ist eines der großen Projekte in dem Bereich für das Kino, das „Kikaninchen“ im Kinderkanal (eine der ersten auf diese Weise produzierten Kinderserien im europäischen Raum) als Beispiel für TV und bei den Streamern gibt es z.B. „Cassandra“ (Netflix), wo mittels Motion Capture Lavinia Wilsons Spiel während der Dreharbeiten in Echtzeit auf den titelgebenden Roboter übertragen wurde.
Mal sehen, was noch kommt. Ich glaube, wir stehen da noch am Anfang. Es gibt wahnsinnig viele Möglichkeiten, es gibt die Studios, die Technik, das Know how und jetzt auch die Schauspieler*innen :-)
Welche Bereiche deckt das MoCap neben Film und Fernsehen ab?
Grundsätzlich ist es nur eine Herstellungsart, also für jegliche Produktionen denkbar. Neben der Kreativindustrie wird in der Medizin und Forschung damit gearbeitet, um beispielsweise Bewegungsabläufe zu erforschen. Beispiele siehe vorherige Frage.
Wie aufwendig sind die Vertragsverhandlungen – allen voran die Rechte-Abtretung?
Das kommt darauf an, ob es eine Film- oder eine Gameproduktion ist und wo die Kunden sitzen. Vieles wird international gemacht und da sind dann Verträge und Standards sehr unterschiedlich.
Glaubst Du, dass sich in Zukunft branchenweite Standards für Motion-Capture-Verträge durchsetzen werden?
Wer müsste diese anstoßen?
Das hängt davon ab, wie viele Produktionen es in Zukunft geben wird, die Motion Capture verwenden. Solange es eine Nische bleibt, ist das allgemeine Interesse dafür zu gering. Es könnte durch Verbände und Gewerkschaften wie den BFFS angeregt werden.
Wie wichtig ist Teamarbeit im MoCap-Studio im Vergleich zu klassischen Set-Arbeiten?
Ich empfinde Teamarbeit immer als wesentlichen Bestandteil beim Drehen. Idealerweise. Wenn man körperlich aktivere Rollen spielt oder mal nen kleinen Stunt macht (da gibt es wie auch beim Film normalerweise ausgebildete Stuntleute, die das übernehmen), geht es viel um Vertrauen und klare gemeinsame Absprachen, damit alles funktioniert und sich niemand verletzt. Aber auch das gibt es am klassischen Filmset. Schauspieler*innen haben selten das Glück Teil eines Teams zu werden, das projektübergreifend zusammenarbeitet. Denn alle anderen Gewerke können ein Projekt nach dem anderen gemeinsam absolvieren, während für die Schauspielenden eine passende Rolle dabei sein muss. Wie oft hat man das Glück? Motion Capture könnte das ein Stück weit ändern, weil es nicht mehr um das äußere Erscheinungsbild (Typ) des/der Schauspieler*in geht.
Nimmst Du neue Klient*innen auf und welche Erfahrung brauchen sie?
Ich bin grundsätzlich interessiert an Schauspieler*innen und merke immer schnell, ob der Funke überspringt. Das muss für eine gute Zusammenarbeit natürlich beidseitig passieren. Bisher habe ich ausschließlich nach Schauspieler*innen mit Erfahrung im Motion Capture gesucht. Es zeigt sich jedoch, dass es so viele gute Schauspieler*innen gibt ohne MoCap-Erfahrung, die noch eine Agentur suchen. Und es macht mir wahnsinnig Spaß für meine Klient*innen einzustehen, sie zu vertreten und Werbung für sie zu machen! Der Fokus bleibt natürlich auf MoCap, denn dafür bin ich ja losgegangen! Aber: alle Schauspieler*innen der Agentur selbstverständlich auch Film/TV oder Theater spielen. Und diese Anfragen gibt es ja auch.
Gibt es typische Einstiegswege in Motion Capture – oder kommt man eher zufällig in diesen Bereich?
Tatsächlich stolpert man in Deutschland bisher eher so rein, muss Glück haben und sich dann während der Arbeit quasi ausbilden lassen. Schaut man ins Ausland, so ist der Bereich wesentlich professioneller aufgestellt. Das möchte ich hier auch erreichen!
Welche körperlichen oder mentalen Anforderungen unterschätzen viele, die zum ersten Mal Motion Capture machen?
Ich habe ein paarmal schon gehört, dass es wie eine Mischform aus Film und Bühne beschrieben wird. Das stimmt nur bedingt. Tatsächlich ist es eine ganz eigene neue Form der Darstellung und der Arbeit. Richtig, es gibt Kameras (aber viel mehr als am Set) und richtig, man muss ein Verständnis für den Raum haben und über eine gute Vorstellungskraft verfügen (vergleichbar mit dem Theater). Was jedoch völlig anders ist: die Performance muss aus jedem Winkel funktionieren! Du spielst nicht für die Leute im Zuschauerraum und auch nicht für die Kamera. Dein Spiel muss aus jeder möglichen Richtung glaubhaft sein, denn erst in der Postproduktion entscheidet sich (oder der/die Spieler*in im Spiel entscheidet), aus welcher Perspektive du gesehen wirst.
Die Headcam kann anfangs irritieren, weil sie wirklich nah am Gesicht ist und man permanent etwas vor den Augen hat. Das macht das Spielen miteinander zum Teil herausfordernd. Nach einigen Stunden Arbeit mit der Headcam merkt man das deutlich am Kopf. Wenn man Pech hat, gibt das Kopfschmerzen vom Druck, denn die Kamera muss sehr fest sitzen, damit die Aufnahmen nicht verwackeln. Deshalb muss man einige Szenen auch mehrfach spielen. Einmal ohne Headcam, damit man körperlich 100 Prozent geben kann, ohne dass die Kamera kaputt geht oder eh alles verwackelt ist und dann nochmal mit die Headcam, damit die passende Mimik eingefangen wird.
Im klassischen Film wird man für manche Einstellungen unbequem nah aneinander gestellt, weil es in der Kamera besser aussieht. Das Gegenteil trifft bei MoCap zu: selbst in intimen Momenten hat man sehr viel Abstand zueinander (zum Teil bedingt durch die Kameras am Kopf). Berührungen, Umarmungen, Arbeit mit Requisiten. Bei alledem muss man darauf achten, dass sich die Punkte nicht vermischen und kein Punkt verdeckt wird, sonst gibt es Probleme bei der Auswertung der Daten.
Die Größe des Spiels: die Gestik, sichtbares Atmen … es soll nicht overacted werden, muss dabei aber sichtbar sein. Ein Spiel für die klassische Kamera reicht da oft nicht aus, dann sieht es so aus, als mache man gar nichts. Dennoch ist es wiederum anders als im Theater, weil man keine „letzte Reihe“ erreichen muss. Man muss die Essenz nehmen und nuanciert verstärken.
Was macht für dich ein wirklich gutes Motion-Capture-Performance-Casting aus?
Es ist das Ende vom Typecast! Es ist komplett egal wie man aussieht, wo man herkommt und wie alt man ist. Es geht um die Essenz des Charakters einer Figur. Man kann sich viel mehr auf das Spiel an sich konzentrieren, ganz unabhängig der Äußerlichkeiten.
So, denke ich, wäre das idealerweise. Für den Reality-Check müssten wir jetzt ein*e Casting Direktor*in fragen, der/die damit Erfahrung hat oder sammeln möchte :-)
P.S.: Wer auch etwas dazu hören möchte: Ich habe vor einigen Jahren mal ein Gespräch mit Philip Erdsiek und Christoph Schulte von Metric Minds dazu geführt.
Was ist der Unterschied zwischen Motion Capture und Performance Capture? Wie sieht die Arbeit für Schauspielende aus? Brauche ich besondere Fähigkeiten als Schauspieler*in? Was kann ich alles spielen? Was haben Philip und Christoph für Empfehlungen, wenn man sich für Motion Capture bewerben möchte? Ein sehr informatives Gespräch, das ein spannendes Arbeitsfeld für Schauspielende vorstellt.
Zu finden bei „Schauspielheld*innen, der Podcast des Bundesverband Schauspiel e.V.
#41 - Motion Capture - Arbeitsfeld für Schauspieler*innen. Viel Spaß!