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Hanna Huge: Wie neue Formate Markt und Casting beinflussen

11.05.2026 | Tina Thiele

Micro-Dramen und KI lassen Produktionszahlen in die Höhe treiben, doch statt Wachstum dominieren Effizienzdenken und Kostendruck – eine strukturelle Verschiebung, die Kreative und Produzent*innen vor neue Herausforderungen stellt. Es gibt auch Lichtblicke: Das Kino erfreut sich besonders bei der Gen Z großem Zuspruch, wodurch auch Streamer wie Netflix den Kinostart als Marketingstrategie entdecken. Hanna Huge erzählt uns im Interview, ob sich dieser Spannungsbogen in den nächsten Jahren auflösen wird und was aktuelle Entwicklungen für den Casting-Bereich auswirken.

Wie schätzt du die Entwicklung des fiktionalen Marktes in den nächsten 2–3 Jahren ein – eher Konsolidierung oder wieder mehr Volumen?
Derzeit deutet wenig auf eine schnelle Erholung des fiktionalen Marktes in Deutchland als auch in internationalen Territorien hin. Zwar werden neue Formate wie Micro-Dramen und der Einsatz von KI dafür sorgen, dass numerisch mehr Inhalte produziert werden, ein höheres Produktionsvolumen ist jedoch nicht mit einer echten Marktbelebung gleichzusetzen. Die Premium-Fiction-Beauftragungen der großen internationalen Streamer wie Netflix oder Prime Video haben sich – im Fall von Netflix bei steigenden Gesamtvolumen – in den letzten Monaten von Westeuropa Richtung der Produktionsmärkte in den USA und Asien verschoben.

Wahrscheinlicher ist, dass sich der Schwerpunkt in den kommenden Monaten weiter in Richtung Effizienz, Skalierbarkeit und Kostendisziplin verschiebt. KI wird dabei vor allem dort eingesetzt werden, wo Abläufe beschleunigt, Entwicklungskosten reduziert und Produktionen schlanker aufgestellt werden können. Dies kann den Output signifikant erhöhen, führt jedoch nicht zwangsläufig zu besseren wirtschaftlichen Bedingungen für Kreative, Autor*innen oder Produzent*innen.

Vor diesem Hintergrund ist es treffender, nicht von einer Genesung des Marktes zu sprechen, sondern von einer strukturellen Verschiebung unter stärkerem finanziellen Druck. Entscheidend wird sein, ob es trotz dieser Kompression gelingt, Stoffe zu entwickeln, die nicht nur „schnell und günstig“ erstellt werden, sondern auch erzählerisch überzeugen, relevant bleiben und eine eigene Handschrift erkennen lassen.

Welche Veränderungen erwartest du konkret für den Casting-Markt (z. B. Budgets, Besetzungsprozesse, Internationalisierung)?
Casting ist durch den zuletzt erstmals vergebenen Oscar erfreulicherweise stärker in den Fokus gerückt und erhält damit endlich mehr Sichtbarkeit innerhalb der Branche. Ob sich dadurch kurzfristig die Produktionsrealitäten spürbar verändern wird, ist fraglich.

Mit Blick auf die Entwicklungen rund um Micro-Dramen und den zunehmenden Einsatz von KI in Produktionsprozessen – auch und gerade im Voice-Casting – ist eher davon auszugehen, dass Casting in vielen Fällen nicht ausgebaut wird. In den kommenden 12 bis 24 Monaten dürften vor allem schnellere Produktionszyklen, schlankere Abläufe und Kosteneinsparungen im Vordergrund der Produktionen stehen. Somit gewinnt Casting zwar auf symbolischer Ebene an Anerkennung, könnte jedoch in der operativen Umsetzung jedoch verstärkt unter Druck geraten. Insbesondere dort, wo Tempo, Skalierbarkeit und Budgeteffizienz die entscheidenden Faktoren sind.

Siehst du in der Entscheidung für einen breiteren Kinostart mit jüngst „Narnia“/Netflix >45 Tagen Fenster ein strategisches Umdenken bei Netflix – und könnte das Signalwirkung für andere Streamer haben?
Netflix hat zuletzt mit „KPop Demon Hunters“ und dem Finale von „Stranger Things“ spürbar Kinoluft geschnuppert. Dass beide Werke jeweils mehr als 20 Millionen US-Dollar Umsatz erzielen konnten, zeigt, dass auch Streaming-Marken im Kino ein relevantes Publikum erreichen können.

Besonders interessant ist dabei der Blick auf die Generation Z. Laut den Studien des Kinoticket-Sellers Fandango ging diese Zielgruppe 2025 im Durchschnitt sieben Mal pro Jahr ins Kino. 87 Prozent waren mindestens einmal im Jahr im Kino, der höchste gemessene Wert unter allen betrachteten Zielgruppen. Zudem gaben 90% der Gen Z an, das „analoge Kinoerlebnis“ mit Eventcharakter dem Streaming vorzuziehen. In Deutschland ist die Reichweite von Kino mit 52% in der Gruppe der 10-19-Jährigen am größten: Die oft formulierte Annahme, junge Menschen würden künftig ausschließlich streamen und das Kino meiden, hat sich damit nicht bestätigt. Im Gegenteil: Gerade für die Gen Z scheint Kino weiterhin attraktiv zu sein, wenn der Besuch als gemeinsames Erlebnis, kultureller Moment oder besonderes Event wahrgenommen wird. Diesen „moment of truth“ will auch Netflix mit dem Release von „Narnia“ in den sozialen Netzwerken für sich gewinnen und andere Streamer werden ebenfalls auf das Kino setzen, wie z.B. Prime Video zum Finale von „The Boys“. Ob das ähnlich gut funktioniert wie bei den Netflix-Originals wird sich zeigen.

© DWDL.de-Podcast „Industry“
DWDL.de-Podcast „Industry“: Gibt es ein Netflix-Rezept für den Streaming-Erfolg? DWDL.de-Podcast „Industry“: Netflix und das Engagement-Problem

Was macht Netflix aktuell erfolgreicher als andere Anbieter – und wie unterscheiden sich die Strategien von Disney+, Amazon oder Sky aus deiner Sicht? Wie wird Streaming den Gesamtmarkt (inkl. linearem TV und Kino) mittel- bis langfristig strukturell verändern – und wo entstehen neue Chancen? Trend zeigt ja an Gaming und Sport, also zurück zum gemeinsamen Lagerfeuergedanke…
Hier können wir sehr gerne unsere Podcastepisoden empfehlen:

© DWDL.de-Podcast „Industry“
DWDL.de-Podcast „Industry“: Wie sieht die Content-Strategie von HBO Max aus? DWDL.de-Podcast „Industry“: Rote Zahlen, Schwarze Zahlen – Der Disney-Jahresabschluss 2025

Andrea Zuska

Strategie-Beraterin und Host des „Industry“-Podcasts

Andrea Zuska ist als Strategy Consultant tätig, mit ihrem eigenen Unternehmen und als Teil der Netzwerke von Flying Eye und Global Media Consult. Sie berät Produzenten, TV-Anbieter und Streamer (Audio und Video) in Fragen der Unternehmens-, Content- und Zielgruppen-Strategie. Mit dem Streamingmarkt in seiner inhaltlichen, wirtschaftlichen und strategischen Dimension beschäftigt sie sich seit Mitte der 2010er Jahre, zuletzt als SVP Content Strategie bei RTL Deutschland.

Hanna Huge

Co-Gründerin und Product Lead Serienjunkies.de 

Hanna Huge co-gründete „Serienjunkies.de“ 2008 in Berlin und entwickelte die Online-Fanseite zu einer der bedeutendsten Nachrichtenplattformen für TV-Serien im deutschsprachigen Raum.

Neben Jury-Tätigkeiten bei der Series Mania, der TeleVisionale und dem Seriencamp, ist Hanna derzeit Mitglied des Nominierungs-Gremiums des Deutschen Serienpreises und Jury-Mitglied beim Deutschen Fernsehpreis. Seit 2013 produziert sie den erfolgreichen „Serienjunkies-Podcast“, der bislang mehr als sechs Millionen Downloads generierte.

Castings: „Narnia“ Nina Gold, Francine Maisler | „KPop Demon Hunters“ Libby Thomas Dickey | „Stranger Things“ Carmen Cuba | „The Boys“ Eric Dawson, Carol Kritzer, Alex Newman, Robert J. Ulrich

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