Gavagai: Der Regisseur Ulrich Köhler im Gespräch
| Redaktion
Bei den turbulenten Dreharbeiten zu einer Medea-Verfilmung im Senegal flüchtet sich Maja in eine Affäre mit ihrem Co-Star Nourou. Monate später treffen sie sich bei der Premiere des Films in Berlin. Alte Gefühle flammen auf, aber ein rassistischer Vorfall belastet ihr Wiedersehen. Die Spannungen werden nicht kleiner, als jeder versucht, das Richtige zu tun. Während sich die antike Tragödie auf der Leinwand zuspitzt, entfaltet sich ein zeitgenössisches Drama. Das Casting übernahm Ulrike Müller (ICDA) und Kris Portier de Bellair (France).
Ulrich Köhler wurde 1969 in Marburg geboren. Er studierte von 1989 bis 1991 Kunst in Quimper/Frankreich, anschließend in Hamburg Philosophie und später Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste. Dort entstanden zahlreiche Kurzfilme. Seine Spielfilme „Bungalow“ und „Montag kommen die Fenster“ liefen auf zahlreichen Festivals und erhielten Preise im In- und Ausland.
„Schlafkrankheit“ wurde auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet. „In My Room“ feierte im offiziellen Programm der Filmfestspiele in Cannes in der Reihe „Un Certain Regard“ seine Premiere. „Das freiwillige Jahr“ entstand in Zusammenarbeit mit Henner Winckler und lief im Wettbewerb des Locarno Film Festivals.
Als Sohn von Entwicklungshelfern verbrachte Ulrich Köhler Teile seiner Kindheit in Afrika. Diese Erfahrung prägt sein Kino bis heute. Nun kehrt Köhler nach Afrika zurück – nicht nur geografisch, sondern vor allem analytisch: Ihn interessieren diesmal die wechselseitige Ausbeutung und die feinen Machtspiele zwischen Begehren und Schuldgefühl. „Gavagai“ ist eine vielschichtige Reflexion über Kunst, Moral und Kolonialismus.
© Annette Hauschild
Ulrich, Dein Film beginnt mit einer konfliktreichen, bildstarken Szene – eine Parabel auf Macht, Verantwortung, Kolonialismus ...
Das Filmemachen ist von außen betrachtet ein absurd komischer Vorgang – aber für die Beteiligten ist es oft ein existentielles Drama. Es ist ein Prozess bei dem die Widersprüche menschlichen Handelns wie in einem Brennglas sichtbar werden. Das liebe ich an Filmen übers Filmemachen. Caroline (Nathalie Richard), die Regisseurin im Film, hat zwar das Sagen am Set, aber sie fühlt sich ausgeliefert und machtlos. Sie inszeniert Medea als einen Stoff über Ausgrenzung und Privilegien und am Ende reproduziert sie genau das autoritäre, von Vorurteilen bestimmte Verhalten, welches sie im Film bloßstellen will.
Du wirfst die Zuschauer*innen mitten ins Geschehen. Bist Du ein ungeduldiger Mensch?
Nein, ich wäre kein Filmemacher, wenn ich nicht lange an einer Sache dranbleiben könnte. Ich werde einfach gerne in Situationen geworfen, in denen ich erst nach und nach herausfinde, wo ich da gelandet bin. Als Zuschauer will ich überrascht werden, ich muss nicht immer über alles orientiert sein.
Die Konflikte sind stets komplexer als man zunächst annimmt. Ein filmisches Prinzip?
„Gavagai“ bewegt sich im Spannungsfeld von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe und Privilegien. Im liberalen Milieu wähnen wir uns frei von Vorurteilen und übersehen gerne, wie unser Verhalten unseren Idealen zuwiderlaufen kann. Mich reizt auch das Spiel mit den Ebenen: Während die Figur Jason auf einer Filmebene Täter ist, wird sein Darsteller Nourou auf der anderen Ebene ausgegrenzt und diskriminiert. Bei Maja ist es umgekehrt. Als Medea wird sie gedemütigt und verbannt, während sie in Berlin als „White Savior“ ihre Machtposition ausspielt. Solche Überlagerungen und Brüche zwischen gesellschaftlicher Realität und Fiktion sind für den Film zentral.
Du thematisierst diese Fragen auf beiläufige Weise, getragen vom subtilen Spiel der großartigen Darsteller*innen. Wie seid Ihr bei der Besetzung vorgegangen?
Mit Jean-Christophe Folly habe ich gesprochen, bevor ich überhaupt angefangen habe zu schreiben. Wir kennen uns seit „Schlafkrankheit“ (2011) und haben viel von dem erlebt, was sich jetzt in „Gavagai“ wiederfindet. Nach der Premiere gab es tatsächlich einen Security Mann der Jean-Christophe zwingen wollte sich auszuweisen und ich war der übergriffige White Savior, der das Ganze so aufgeblasen hat, dass Jean-Christophe am Ende das Hotel wechseln musste.
Mit Maren Eggert wollte ich schon immer zusammenarbeiten und bei „Gavagai“ hatte ich das Bauchgefühl, es könnte passen. So war es auch. Die Chemie zwischen ihr und Jean-Christophe stimmte sofort, und dass sie eine großartige Medea ist, hatte ich auf der Bühne gesehen. Nathalie Richard, die Regisseurin im Film, kannte ich von „Schlafkrankheit“ und wusste, wie angstfrei sie sich in die Rolle stürzen würde.
Es war wirklich eine Freude, mit dem Ensemble zu arbeiten. Ulrike Müller, unsere deutsche Casterin, hat selbst für die kleinsten Rollen großartige Schauspieler*innen aufgetrieben und Iman Djionne in Dakar hat ebenso fantastische Vorschläge gemacht. Anna Diakhere Thiandoum (Aita/Kreusa) ist wirklich eine Entdeckung. Es würde mich sehr wundern, wenn wir sie nicht bald im Kino wiedersehen.
Bei „Schlafkrankheit“ hatte ich bewusst nur meine engsten Vertrauten aus Europa mit nach Kamerun mitgenommen. Wir wollten einen Film auf Augenhöhe mit den Menschen vor Ort machen. Bei der Recherche und in der Vorbereitung gelang uns das auch. Doch unter dem Zeit- und Erfolgsdruck der Dreharbeiten habe ich mich immer tiefer in meine europäische Blase zurückgezogen und hatte kaum Kontakt zu den Kameruner Mitarbeiter*innen. Am Ende haben wir die neokolonialen Hierarchien und Verhaltensmuster reproduziert, die wir im Film zum Thema machen – genau wie Caroline, die Regisseurin in „Gavagai“.
Das bringt mich zur Pressekonferenz im Film, in der Fragen nach Identitätspolitik gestellt werden, was in einem surrealen Moment kulminiert.
Der Film wechselt hier in gewisser Weise auf die Metaebene – daher die Überhöhung. Die Fragen, die Caroline gestellt werden, könnten auch in Bezug auf „Gavagai“ aufkommen. Zum Beispiel die Frage, wer eigentlich erzählen darf und aus welcher Perspektive.
„Gavagai“ spielt wie „Medea“ in einem privilegierten Milieu und erzählt von Menschen, die ihren Status verlieren. Im Senegal genießt Nourou ökonomisch wie sozial eine hohe Stellung. In Berlin ist seine Situation fragiler. Die Machtachsen verschieben sich. Er ist zwar Hauptdarsteller eines Wettbewerbsfilms, wird aber im Hotel rassistisch diskriminiert und muss sich Majas und Carolines übergriffiges Verhalten gefallen lassen. Es ist also ein Film über bewusste und unbewusste Vorurteile, über Identität und Rassismus und vor allem darüber welche Rolle Machtverhältnisse im Alltag spielen. Identitäts- und Klassendiskurse hängen für mich zusammen. Der Film ist insofern dialektisch – Identitätspolitik trifft auf Klassenfrage, Scheitern auf Bemühen, Komödie auf Drama.
„Gavagai“ ist auch ein Film über ständiges Missverstehen: privat, politisch, künstlerisch. Kommt daher der Titel des Films?
Der Titel ist eine Hommage an mein nie vollendetes Philosophiestudium: Quine, der Sprachphilosoph, erfindet in einem berühmten Gedankenspiel einen Ethnologen, der im Urwald auf einen Fremden trifft, der auf einen Hasen zeigt und „Gavagai!“ ruft. Hase? Mittagessen? Lange Ohren? Heilig? Quine benutzt das Beispiel, um zu erklären, wie radikal unterbestimmt jede Übersetzung ist: Wir wissen nie sicher, was jemand mit einem Wort meint. Je weniger Kontext wir haben, je weniger wir einander kennen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir einander missverstehen. Kommunikation ist permanent Missverständnis. Und genau daraus entstehen Komik und Drama.
Arbeitest Du gezielt auf Komik hin?
Ich würde sagen, Komik ist unvermeidlich, wenn man selbstkritisch auf die Abgründe des eigenen Tuns blickt: Die überforderte Regisseurin, der gutmeinende aber peinlich handelnde Weiße, der White-Savior-Komplex, und die vielen kleinen Momente, in denen ideologisches Wollen in banaler Wirklichkeit zerrinnt. Das birgt viel Situationskomik.
Die Kameraarbeit von Patrick Orth scheint sehr an der Handlung und den Figuren orientiert. Wie entwickelt Ihr Eure Bilder?
Wir arbeiten sei über 30 Jahren zusammen, man könnte also sagen, wir sind eingespielt. Früher wollte ich nur Plansequenzen drehen, habe sogar ein Storyboard gezeichnet für meinen ersten Film. Heute schlägt Patrick die Auflösung vor und wir besprechen uns im Vorfeld, doch zum Leidwesen unserer Kolleg*innen sind wir auch offen für Impulse am Set und schmeißen gerne mal alles um.
Der Film spielt viel mit Räumen: das detailreiche, chaotische Dakar einerseits, das leere, machtarchitektonische Berlin andererseits.
Ja, Dakar ist ein Wimmelbild, Berlin eine karge Arena der Macht, eine Wüste. Beim Film-im-Film haben wir uns frei gemacht von historisierendem Realismus, er sollte theatral überhöht sein. Caroline, die Regisseurin von „Medea“, durfte sich bei Kostüm- und Szenenbild austoben, aber die Kamera durfte sich NIE bewegen - wir haben ihr eine „stalinistische“ Bildsprache unterstellt. Es hat Spaß gemacht, Freiheit in einem starren Regelwerk zu finden. Und bei ein, zwei Einstellungen haben wir Carolines Autorität auch bewusst unterlaufen – mal sehen, ob es ihr auffällt.
Caroline, das bist doch Du, oder nicht?
Ja, vielleicht, ich hoffe ich benehme mich nicht ganz so schlecht am Set! (lacht) Auf jeden Fall hat mir Caroline geholfen die „Kunstpolizei“ im eigenen Kopf in Schach zu halten! Ich komme aus einer Tradition, die sich viel verbietet. Im Film im Film durfte ich zum ersten Mal einen Score verwenden. Als unser Musikberater einen Popsong der Shangri-Las aus den 1960er-Jahren vorschlug, war ich überrascht, wie perfekt diese sentimentale Ballade zu Carolines rigoroser „Medea“ passt.
Bei „Gavagai“ habe ich die Freiheit genossen, unterschiedliche Genres zu kombinieren und mit Erwartungen zu spielen. Ich durfte mich sogar für ein paar Minuten in einen Film Noir mit Mišel Matičeviç verirren, um dann zurück in ein theatrales Melodram zu springen.
Auch die Perspektive des Films ändert sich im Verlauf immer wieder und wechselt zwischen den beiden Hauptfiguren. Ich mag es, wenn der Staffelstab wie im richtigen Leben von Figur zu Figur wandert, manchmal sogar in den Stoff selbst hinein, so wie Nourou in Medea übergeht: von persönlicher Ausgrenzung zur mythischen. Das war so eine grobe innere Linie des Films.
Der Medea-Mythos spielt im Film eine zentrale Rolle, aber Du interpretierst ihn ganz anders.
Mich hat Medea schon immer fasziniert – aber nicht als irrationale von Gefühlen und Trieben gesteuerte, eifersüchtige Kindsmörderin. Für mich ist Medea eine Frau, die sich weigert in die Opferrolle gedrängt zu werden und dadurch zur Terroristin wird. Unsere Regisseurin im Film verlegt Medea nach Afrika, wo sie von einem afrikanischen Volk verstoßen wird. Diese Umkehrung soll unbewusste rassistische Denkgewohnheiten aufbrechen, birgt aber die Gefahr, Jahrhunderte der Entmenschlichung und Unterdrückung afrikanischer Völker durch uns Europäer zu relativieren. Auf diesen Vorwurf ist Caroline nicht vorbereitet.
Mit dem Film-im-Film konnte ich künstlerische Risiken eingehen, die ich mir selbst nie erlauben würde. Ich persönlich finde es tausendmal spannender mit einem künstlerischen Experiment zu scheitern, als ein Wellmade Play oder algorithmus-gesteuerte Serien zu machen.
Welche Einflüsse oder Referenzen hattest Du noch für „Gavagai“?
Dakar ist für mich die Stadt von Djibril Diop Mambétys „Touki Bouki“ (1973), einer sehr persönlichen, verspielten Migrationsgeschichte. Mambétys gedankliche Freiheit, sein anarchischer Humor, seine Lust am Leben und Scheitern, hat mich tief beeindruckt. Im Szenenbild unseres Film finden sich kleine Hommagen.
Castings:
„Bungalow“ in eigener Regie | „Montag kommen die Fenster“ Nina Haun (ICDA) | „Schlafkrankheit“ Ulrike Müller (ICDA), Jugendliche: Britt Beyer, Nebenrollen: Katrin Vorderwülbecke | „In My Room“ Ulrike Müller (ICDA), Zusatzcasting Hauptrolle Kirsi: Tanja Schuh (BVC) | „Das freiwillige Jahr“ Ulrike Müller