Die Berlinale zeigt der Winterdepression den Mittelfinger
| Emilie Rudolph
Zum Auftakt der 76. Internationalen Filmfestspiele blicken wir auf ein Festival, das einmal mehr dem grauen Alltag trotzt – und mitten im Winter kulturelle Strahlkraft entfaltet.
Eine Freundin hat einmal zu mir gesagt: das Problem mit Januar und Februar ist, dass man zu viel von ihnen erwartet. Man beginnt das Jahr mit all den guten Vorsätzen, die man sich auf seinem gemütlichen Sofa im schummrigen Licht des Weihnachtsbaums ausgedacht hat. Die Ansprüche sind dementsprechend hoch. Das Wetter allerdings weiß von unseren Plänen nichts, und deshalb sind die Monate des Neubeginns im Grunde noch genauso dunkel und grau wie die Feiertage. Das Bedürfnis nach Winterschlaf ist nach wie vor hoch.
Besonders in Berlin ist der Januar mit einer lange nicht mehr da gewesenen Eiseskälte über die Stadt hergefallen. Wie jedes Jahr hat es mich unvorbereitet getroffen, dass der Winter nach Silvester erst wirklich seine Krallen zeigt. Das Wetter hat den Schuss nicht gehört und segnet die wieder arbeitende Gesellschaft unbarmherzig mit Minusgraden. Der allgemeine Menschenverstand würde vorschlagen, den Kopf einzuziehen, auf den vereisten Straßen nur die nötigsten Gänge zu machen und die Pläne für den Neuanfang zu verschieben, bis im Tiergarten wieder Bäume und Büsche sprießen.
Dennoch werden am Potsdamer Platz gerade, des schneidenden Windes zum Trotz, die weißen Zelte aufgeschlagen, die Straßensperren aufgestellt, die Poster aufgehängt und der rote Teppich ausgerollt. Der Berlinale Palast, das Haus der Kulturen der Welt, das Filmtheater am Friedrichshain und viele weitere Kinos rütteln ihre Mitarbeiter aus dem Feiertagskoma, denn die Säle müssen auf Hochglanz poliert werden.
Die Berlinale zeigt der Winterdepression den Mittelfinger, scheucht all ihre Arbeitenden und Anhänger vor die Tür und versüßt ihnen den steinigen und vereisten Weg, bis auch die graue Stadt die Sonne wieder zu sehen bekommt. Ein wohlwollender Schachzug, um den harten Jahresanfang zu verkürzen, oder ein perfider Plan, um uns um unsere wohlverdiente Winterruhe zu bringen? Diese Frage stellt man sich jedes Jahr aufs Neue.
Also werden jedes Jahr nicht nur die Mitarbeiter*innen, Filmschaffende und Journalist*innen um ihren Schlaf und um ihr Immunsystem betrogen. Auch die Internationale Jury, die über die Vergabe des goldenen und silbernen Bären entscheiden wird, darf sich für zehn Tage vom Tageslicht verabschieden. Neben dem deutschen Regisseur und Fotograf Wim Wenders, dem das Zepter des Jurypräsidenten überreicht wird, besteht die internationale Jury dieses Jahr aus Min Bahadur Bham (Nepal), Bae Doona (Südkorea), Shivendra Singh Dungarpur (Indien), Reinaldo Marcus Green (USA), HIKARI (Japan) und Ewa Puszczyńska (Polen). Wünschen wir ihnen viel Energie und ausreichend Vitamin D!
Eröffnet wir der diesjährige Marathonlauf vom dritten Spielfilm der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat. „No Good Men“ (Casting: Moshtari Hilal) setzt bei einer wahren politischen Geschichte an und war mit seinem Einblick in das Leben von Frauen in Afghanistan in seiner Entstehung für die preisgekrönte Regisseurin mit vielen Risiken verbunden. Bei der romantischen Komödie handelt es sich um den dritten von fünf geplanten Filmen, die auf den autobiographischen Schriften des Schauspielers und Autors Anwar Hashimi beruhen.
Offiziell eröffnet „No Good Men“ die 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin am Abend des 12. Februar, aber erste Pressevorführungen finden bereits am Vorabend statt. Gemeinsam mit meiner Kollegin und Komplizin gebe ich mich gerne wieder der Illusion hin, alle Filme sehen zu können, die ich möchte, wenn wir dem Startschuss nur mit etwas Vorlauf beiwohnen.
Der wahre Spaß beginnt für uns also schon einen Abend früher, nachdem der Presseausweis abgeholt und sich mit einer letzten Mahlzeit gestärkt wurde. Dann beginnt der Wahnsinn der folgenden zehn Tage. Viel habe ich dazu gelernt seit meiner ersten Berlinale vor drei Jahren. Wirklich klüger bin ich, in Hinblick darauf, was man realistisch in zehn Tagen schaffen kann, jedoch immer noch nicht.
Das vollständige Programm für den Spießrutenlauf, inklusive aller Spielstätten, ist inzwischen auf der offiziellen Website der Berlinale veröffentlicht worden. 22 Filme konkurrieren dieses Jahr im Wettbewerb, darunter ein dokumentarisches Format, ein Animationsfilm und ein Debütfilm. Zwanzig davon werden als Weltpremiere präsentiert und knapp die Hälfte, neun Stück, sind unter der Regie oder Co-Regie von weiblichen Regisseurinnen entstanden.
Der Eröffnungsfilm „No Good Men“ von Shahrbanoo Sadat Die Informationen für den Vorverkaufsstart, um diesem Spektakel beizuwohnen, wurden inzwischen ebenfalls preisgegeben. 3 Tage im Voraus jeweils ab 10:00 Uhr (für uns arme Pressevertreter*innen bereits sieben Uhr dreißig!) wird jeden Morgen der Wecker gestellt und im Halbschlaf nach dem Handy gegriffen werden, um durch schmale Augen das kleine Männchen zu beobachten, das über den Bildschirm wandert und den Vormarsch bis zum Ticketschalter verbildlicht.
Zu Beginn jeder Vorführung werden die goldenen Funken des hauseigenen Berlinale Intros über die Kinoleinwand regnen, und spätestens nach sechs Tagen wird in der kurzen Stille danach ein Chorus aus Husten und Schniefen ertönen. Wer in den März nicht mit einem heftigen, diffusen Virus startet, der hat das Spiel nicht richtig mitgespielt.
Nachdem Gabi Rudolph 2006 ihre Schauspielagentur gegründet hatte, folgte 2009 das Online-Portal „FastForward Magazine“, welches seitdem täglich aus den Bereichen Musik und Entertainment berichtet. Mittlerweile sind nahezu zehn Redakteure für das Magazin tätig. Seit 2016 ist „FastForward Magazine“ auch für uns auf der Berlinale unterwegs. Begleitet wird sie in diesem Jahr wieder von ihrer Tochter Emilie, die sie tatkräftig unterstützt. In ihrer Tätigkeit als Agentin und Journalistin vereint Gabi Rudolph ihre drei großen Leidenschaften: Film, Musik und Literatur.
Unser CN Special zur Berlinale könnt ihr demnächst hier dowloaden!
Urban Ruths/Oliver Look