Alle an einem Tisch
| Cast Me In & ProQuote Film Vorstand
Am Freitag, den 13. Februar, saßen sie alle im Rahmen der Berlinale an einem Tisch: Filmschaffende, Produzent*innen, Verbände, Aktivist*innen, Entscheider*innen – im legendären Max-Liebermann-Haus, direkt neben dem Brandenburger Tor. Ein Ort mit Symbolkraft, der seine Türen für diesen Dialog öffnete.
Beim Kongress ging es nicht darum, Defizite aufzuzählen oder darum, erneut über Betroffenheit zu sprechen. Sondern darum, Verantwortung für künstlerisch-gesellschaftlich relevante Filme zu verhandeln.
Eva Maria Sommersberg, Autorin, Produzentin und Vorständin von ProQuote Film, eröffnete mit den Worten: „ProQuote Film und Cast Me In kooperieren dieses Jahr gemeinsam mit den anderen Vielfaltsverbänden – und ab jetzt mit euch allen hier im Saal. Denn wir brauchen einander für die ganze Gesellschaft. Dies ist ein Raum, in dem wir über Visionen sprechen wollen.“
Leonard Grobien, Filmemacher, Schauspieler und Vorstand von Cast Me In, ergänzte: „Es geht nicht um punktuelle Sichtbarkeit. Es geht um nachhaltige Veränderung. Nicht um Diversität als Image, sondern um Diversität als demokratische Praxis.“
Sofort war klar: Es ging an diesem Tag nicht nur um Frauen oder um Inklusion – auch wenn genau das derzeit im Koalitionsvertrag und im Filmförderungsgesetz unter dem Begriff Vielfalt häufig übrig bleibt. Der Kongress verstand Vielfalt umfassender: in ihrer ganzen Breite – und in ihrer nicht zu unterschätzenden wirtschaftlichen Relevanz.
Das Panel: Am Tisch sitzen. Und dann?
„Am Tisch sitzen reicht nicht“ – so ließe sich das Panel von „Connect for Change – Dialoge auf Augenhöhe“ treffend zusammenfassen.
Es wurde intensiv diskutiert über Rückschritte, fragile Fortschritte, über Macht, Gatekeeping und strukturelle Trägheit. Denn es stimmt: Wer am Tisch sitzt, aber nicht mitentscheidet, bleibt Statist*in im eigenen Thema.
Im Zentrum stand die Erkenntnis, dass Fortschritte in Sachen Diversität fragil sind und politisch wie gesellschaftlich unter Druck geraten können. Verdeutlicht wurde das unter anderem am Beispiel der Dokumentation „Patrice: The Movie“, die zeigt, wie schnell erkämpfte Rechte wieder infrage gestellt werden. Nach der einleitenden Keynote des Emmy-Preisträger*innen (2025) und Regisseurs Ted Passon, begrüßten die beiden Moderatorinnen Kübra Sekin und Paula Essam die Panel-Gäste: Anne Zander, Schauspielerin und Della-Award-Gewinnerin als „Beste gehörlose Schauspielerin“, Frank Rusko, Diversity Manager des ZDF, Kübra Gümüşay, Sprach- und Transformationswissenschaftlerin, Autorin und TEDx-Speakerin sowie Esra und Patrick Phul, Creator*innen von All Heroes Are Bastards.
Mehrere Teilnehmerinnen äußerten ihre Frustration darüber, inzwischen zwar „mit am Tisch“ zu sitzen, jedoch weiterhin zu wenig tatsächliche Gestaltungsmacht zu besitzen. Gefordert wurden eigene Räume, stärkere Strukturen und verbindlichere Zusagen von Entscheidungsträger*innen.
Regisseur Ted Passon im Gespräch mit Moderatorin Paula Essam
© Anna Spindelndreier
Kritisch betrachtet wurde insbesondere die Rolle großer Institutionen und Sender. Vertreter*innen wie Kübra Gümüşay und Esra Phul betonten, dass Macht anerkannt und aktiv genutzt werden müsse, um echte Veränderung zu bewirken. Der Diversity-Manager des ZDF, Frank Rusko, verwies auf laufende Prozesse und schrittweise Entwicklungen – was jedoch von Teilen des Panels als nicht ausreichend konkret wahrgenommen wurde.
Die zentrale Botschaft bleibt: Dialog ist wichtig. Aber ohne strukturelle Konsequenz bleibt er unvollständig. Marginalisierte Filmschaffende fordern nicht nur Teilhabe – sondern tatsächliche Mitgestaltung und Verantwortung auf Entscheider*innen-Ebene.
Der Kongress war bewusst zweigeteilt: Ein Panel als eine Bestandsaufnahme mit Blick in die USA und ein Austausch, der von Besucher*innen im Anschluss als inspirierende Fundgrube und bereichernder Impuls beschrieben wurde mit anschließendem Networking.
Das Networking: Markt der Möglichkeiten
Nach dem Panel begann das Networking-Event „Connect for Change“: Der Raum öffnete sich der Raum – buchstäblich – zum „Markt der Möglichkeiten“. 15 Verbände und Initiativen präsentierten ihre ehrenamtliche Arbeit, ihre Strukturen, ihre Expertise. Keine symbolische Geste, sondern konkrete Ansprechpartner*innen.
Hier wird nicht gefragt: „Wer fehlt noch?“ Hier wird sichtbar gemacht: „Wir sind da!“ Hier wurden nicht nur Visionen formuliert. Hier wurden sie angeboten. Denn Netzwerke existieren längst, Kompetenzen sind da und Strukturen stehen bereit. Die Frage lautet weniger: Wo sind die Visionen? Sondern: Wer nutzt sie?
Die Organisationen
Berlin Asian Film Network – stärkt asiatisch-diasporische Perspektiven und setzt sich gegen stereotype Darstellungen ein.
Kinoblindgänger gGmbH – arbeitet für barrierefreies Kino durch Audiodeskription und Untertitelung.
korientation e.V. – postmigrantischer Kulturverein zur Sichtbarmachung asiatisch-deutscher Realitäten.
Let’s Change the Picture – Initiative für realistische und vielfältige Darstellung von Frauen.
Minderheitensekretariat der vier autochthonen nationalen Minderheiten und Volksgruppen – politische Vertretung zur Sicherung kultureller Selbstbestimmung.
Muslimisch-Deutscher Filmverband e.V. – Berufsverband für differenzierte muslimische Perspektiven.
Queer Media Society – Netzwerk queerer Medienschaffender.
Quote-Ost – Initiative zur strukturellen Stärkung ostdeutscher Perspektiven.
Rollenfang – Netzwerk von Künstler*innen mit Behinderung für selbstbestimmte Repräsentation.
RomaTrial e.V. – Roma-Selbstorganisation gegen Antiziganismus.
Schwarze Filmschaffende e.V. – Berufs- und Interessenverband für strukturelle Gleichstellung.
Vielfalt im Film – Studien- und Brancheninitiative zur Erhebung von Diversitätsdaten.
ZFK-BB – Zentrum für Kultur und visuelle Kommunikation der Gehörlosen Berlin/Brandenburg.
Cast Me In – Initiative für diskriminierungssensible Castingprozesse.
ProQuote Film – Berufsverband für Geschlechterparität in kreativen Leitungspositionen.
Mehr über „Alle an einem Tisch“
Dieses Netzwerk vereint Initiativen, Verbände und Organisationen, die sich für gerechte Repräsentation, strukturelle Teilhabe und diskriminierungssensible Arbeitsweisen in Film und Medien einsetzen.
Sie stehen für unterschiedliche Perspektiven – und für ein gemeinsames Ziel: Macht, Sichtbarkeit und Entscheidungskompetenz neu zu verteilen. Die Verbandsrunde entstand nach der Berlinale 2025. Ziel ist es, Kräfte und Interessen marginalisierter Gruppen in der Film- und Fernsehbranche zu bündeln und soziale Nachhaltigkeit gemeinsam mit zentralen Playern und Institutionen zu verankern – insbesondere vor dem Hintergrund, dass der angekündigte Diversitätsbeirat nicht zustande kam.
Der Kongress entstand aus diesem gewachsenen Zusammenschluss: Cast Me In, ProQuote Film und zahlreiche Vielfaltsverbände, die bereits bei der Studie „Vielfalt im Film“ an einem Tisch saßen. Damals stand die Analyse von Diskriminierung im Zentrum. Heute steht die Vision im Vordergrund. Es geht nicht mehr nur darum, Missstände zu benennen. Es geht darum, Strukturen zu verändern.
Verbände und Initiativen halten Künstler*innen den Rücken frei. Sie schaffen Räume, damit gearbeitet werden kann. Damit Filme entstehen, die empowern. Damit Geschichten entstehen, die Perspektiven verschieben. Dabei darf es nicht darum gehen, fünf Jahre auf die nächste Reform zu warten. Bestehende Werkzeuge wie der Respect Code Film, Vertrauensstellen oder die OMNI-Data-Initiative müssen fortgeführt und gestärkt werden.
Es geht nicht um „fünf vor zwölf“. Es geht um die Stellung des Films hierzulande. Und wer meint, Vielfalt sei ein freiwilliges Extra, sollte ins Gesetz schauen: Das Filmförderungsgesetz beschreibt Film als Kultur- und Wirtschaftsgut. Vielfalt ist darin kein Nebensatz – sie ist Auftrag.
Keynote von Leonard Grobien (im Original):
Guten Tag,
mein Name ist Leonard Grobien. Ich bin Filmemacher und stehe auch als Schauspieler vor der Kamera. Heute spreche ich hier als Vorstand von Cast Me In.
Ich bin ein Kind der ersten Stunde dieses Netzwerks, das Tina Thiele ins Leben gerufen hat. Von Anfang an ging es uns um Sichtbarkeit – aber vor allem um Haltung.
Wir verstehen uns nicht über Defizite. Wir sind Talente. Talente, die auch eine Behinderung haben.
Und vor allem haben wir Perspektiven. Perspektiven, die wir für wichtig halten – weil wir die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählen. Denn wir sind viele. Wir sind intersektional vielfältig.
Und dieser Kongress konnte nur stattfinden, weil wir ihn gemeinsam mit unseren Freund*innen und Partnerverbänden möglich gemacht haben. Wir sind ein Wald. Und ein Wald lebt von Vielfalt – nicht von Monokultur.
Leonard Grobien, Vorstand Cast Me In e.V.
© Anna Spindelndreier
Monokultur bedeutet: nur eine Perspektive, nur eine Norm, nur ein Maßstab. Doch eine vielfältige Gesellschaft braucht unterschiedliche Stimmen, Erfahrungen und Körper. Nur so entsteht ein vollständiges Bild unserer Realität.
Lasst uns das klar sagen: Vielfalt ist kein Luxus. Vielfalt ist ein wirtschaftlicher und kultureller Wert. § 2 des Filmförderungsgesetzes bestimmt, dass die Filmförderungsanstalt Maßnahmen zur Förderung des deutschen Films durchführt, die wirtschaftliche Lage der Filmwirtschaft verbessert und die kulturelle Ausstrahlung des deutschen Films stärkt.
Wenn wir also über Förderung sprechen, sprechen wir auch über strukturelle Voraussetzungen – darüber, wer Zugang erhält und wer sichtbar wird. Es geht um faire Teilhabe – vor und hinter der Kamera.
Wenn Inklusion am Ende nur „mitgedacht“ wird, wenn sie ein Zusatz bleibt, ein Unterpunkt,
eine Fußnote – dann fehlt etwas Entscheidendes.Dann fehlt die Freiheit der bereichernden Vielfalt. Dann fehlt das ganze Bild.