Verflucht Normal
| Redaktion
Dass die Queen ein unkontrollierbares „Problemkind“ mal mit dem Orden des British Empire auszeichnen würde, damit hätte wohl niemand gerechnet - am allerwenigsten John Davidson selbst. In den frühen 1980er-Jahren wächst John (Scott Ellis Watson) in einer schottischen Kleinstadt auf. Im Alter von 12 Jahren beginnt er unter heftigen nervösen Tics zu leiden. Aufgrund dieser erst Jahre später als Tourette-Syndrom diagnostizierten Erkrankung wird sein Leben zu einem endlosen Spießrutenlauf.
Fakten über das Tourette-Syndrom
Der InteressenVerband Tic & Tourette Syndrom e. V. (IVTS e. V.) ist ein bundesweit tätiger Selbsthilfeverband für Menschen mit Tics und dem Tourette-Syndrom sowie deren Angehörige. Der gemeinnützige Verein wurde 2007 gegründet und setzt sich dafür ein, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, Aufklärung zu fördern und eine bessere Versorgung zu erreichen.
Der Verband bietet Informationen, Beratung und praktische Unterstützung, organisiert Workshops und Austauschangebote und engagiert sich in der Öffentlichkeitsarbeit sowie der Vernetzung mit Fachleuten und Selbsthilfegruppen. Ziel ist es, Betroffene zu stärken und ihnen zu zeigen: „Nie mehr allein mit Tics“. Der Verband hat auch die folgende kurze Definition des Tourette-Syndroms verfasst:
Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung. Sie wurde erstmals 1827 wissenschaftlich beschrieben und nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette benannt, der 1885 eine ausführliche Darstellung der Krankheit veröffentlichte.
Das Tourette-Syndrom ist eine Form der Tic-Störung, bei der über mehr als ein Jahr sowohl mehrere motorische Tics als auch mindestens ein vokaler Tic auftreten. Entgegen verbreiteten Klischees tritt das bekannte Symptom des unkontrollierten Fluchens (Koprolalie) nur bei einer Minderheit der Betroffenen auf.
Tics sind plötzlich auftretende, schnelle und unwillkürliche Bewegungen oder Lautäußerungen. Sie treten ohne erkennbaren Zweck auf und lassen sich nur begrenzt kontrollieren. Man unterscheidet motorische Tics (Bewegungen) und vokale Tics (Laute oder Wörter), die jeweils einfach oder komplex sein können. Einfache Tics – etwa Augenblinzeln, Kopfbewegungen oder Räuspern – kommen deutlich häufiger vor als komplexe Tics.
Tic-Störungen beginnen meist im Kindesalter, typischerweise zwischen dem 6. und 8. Lebensjahr. Die Ausprägung der Tics kann stark schwanken und wird häufig durch Stress, Aufregung oder starke Emotionen verstärkt. Bei vielen Betroffenen nehmen die Tics im Jugend- oder Erwachsenenalter wieder ab.
Wie viele Menschen sind in Deutschland betroffen? Wie viele davon sind Kinder/Jugendliche?
Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 0,7 bis 1 Prozent der Bevölkerung ein Tourette-Syndrom entwickelt. Das entspricht in Deutschland rund 600.000 bis 850.000 Menschen – viele davon mit eher milden Symptomen, die nicht immer diagnostiziert werden.
Die Erkrankung beginnt im Kindes- und Jugendalter, meist zwischen dem 6. und 8. Lebensjahr. Studien zeigen, dass etwa 0,5 bis 3 Prozent der Kinder und Jugendlichen Tourette-Symptome entwickeln.
Wie viele sind von Koprolalie betroffen und was heißt das genau?
Die Koprolalie ist ein mögliches Symptom beim Tourette-Syndrom, bei dem Betroffene unwillkürlich obszöne, beleidigende oder sozial unangemessene Wörter äußern. Diese Äußerungen treten nicht absichtlich auf, sondern sind eine Form von vokalen Tics.
Sie tritt nur bei etwa 10 bis 30 Prozent der Betroffenen auf und ist damit deutlich seltener als oft angenommen.
Was bedeutet Echolalia, Palilalia oder Echopraxia?
Echolalia meint das unwillkürliche Wiederholen von Wörtern oder Sätzen, die andere Personen gerade gesagt haben. Palilalia beinhaltet das Wiederholen eigener Wörter oder Silben, oft mehrfach hintereinander. Echopraxia ist das unwillkürliche Nachahmen von Bewegungen oder Gesten anderer Menschen.
Welche Form der Tics gibt es noch?
Zu den speziellen, eher seltenen Formen komplexer Tics beim Tourette-Syndrom gehören die Kopropraxie, das unwillkürliche Ausführen obszöner oder sozial unangemessener Gesten und die Palipraxie, das unwillkürliche, zwanghafte Wiederholen der eigenen Bewegungen.
Welche Ausprägungen gibt es?
Das Tourette Syndrom ist bei den Betroffenen sehr unterschiedlich ausgeprägt. So gibt es Betroffene, die zwar motorische als auch vokale Tics haben, jedoch nicht darunter leiden. Ihre Tics sind weniger stark ausgeprägt und nicht sozial auffällig. Andere Betroffene haben sehr viele, stark ausgeprägte Tics, die ihre Lebensqualität sehr einschränken können. Die Ausprägung kann sich im Laufe des Lebens verändern und schwankt häufig je nach Situation, Stress oder Konzentration.
Kann Tourette isoliert gesehen werden oder tritt es in Kombination mit anderen Krankheiten auf?
Das Tourette-Syndrom kann isoliert auftreten, häufig bestehen jedoch Komorbiditäten (Begleiterkrankungen). Am häufigsten treten zusätzlich auf: ADHS, Zwangsstörung, Angststörung, Depression und Schlafstörungen.
Kann Tourette „geheilt“ werden?
Das Tourette-Syndrom kann leider nicht geheilt werden. Therapien und Medikamente können helfen, die Symptome zu lindern und den Alltag zu erleichtern. Die medikamentöse Behandlung ist jedoch mit Nebenwirkungen verbunden. Viele Betroffene setzen derzeit große Hoffnung auf das Neupulse Wrist Device, ein Armband, das durch leichte elektrische Impulse am Handgelenk helfen soll, Tics beim Tourette-Syndrom zu reduzieren. In Deutschland steht die notwendige medizinische Zulassung noch aus.
Was passiert, wenn Betroffene versuchen, ihre Tics zu unterdrücken?
Durch die Unterdrückung baut sich häufig ein starkes inneres Dranggefühl auf. Lässt die Kontrolle nach, treten die Tics oft verstärkt oder gehäuft wieder auf – das nennt man Rebound.
Was hilft Menschen mit dem Tourette-Syndrom (in sozialen Situationen)?
Menschen mit dem Tourette-Syndrom können in sozialen Situationen besonders davon profitieren, wenn ihr Umfeld ruhig, respektvoll und verständnisvoll reagiert. Kurz gesagt: Akzeptanz, Gelassenheit und Wissen über Tourette sind oft die größte Unterstützung im sozialen Miteinander.