Sonia Ben Salah: Was gutes Vertical Acting auszeichnet
| Redaktion
Wir sprechen mit der Head of Daily & Fiction bei Constantin Entertainment darüber, welche besonderen Anforderungen Vertical Drama an Schauspiel und Casting stellt und welche Qualitäten Darsteller*innen dafür mitbringen sollten.
Vertical Drama zählt zu den am schnellsten wachsenden Erzählformaten – und stellt Schauspieler*innen und Casting vor neue Herausforderungen. Die kurzen, im Hochformat produzierten Serien folgen einer eigenen Dramaturgie: Figuren müssen innerhalb weniger Sekunden Aufmerksamkeit erzeugen, Emotionen unmittelbar vermitteln und auch in überhöhten Geschichten glaubwürdig bleiben. Dabei gelten nicht zwangsläufig dieselben Maßstäbe wie im klassischen Film oder Fernsehen.
Sonia Ben Salah erklärt, worauf es beim Vertical Acting ankommt, warum Präsenz im 9:16-Frame eine zentrale Rolle spielt und weshalb emotionale Klarheit, Screen Presence und die richtige Tonalität entscheidende Faktoren für den Erfolg einer Performance sind. Außerdem spricht sie darüber, welche Eigenschaften starke weibliche und männliche Hauptfiguren auszeichnen und welche Konsequenzen diese Entwicklung für Casting-Prozesse hat.
Was unterscheidet Vertical Acting grundsätzlich von klassischem Film- oder TV-Schauspiel?
Vertical Acting ist viel unmittelbarer. Im klassischen Film oder Fernsehen darf sich eine Figur über Zeit entfalten, über Subtext, Pausen, Ambivalenzen. Im Vertical Drama entscheidet das Publikum in den ersten Sekunden, ob es dranbleibt oder weiterswipt. Deshalb muss eine Figur im 9:16-Frame sofort lesbar sein: Wer ist sie? Was will sie? Was verletzt sie? Was begehrt sie?
Vertical Acting ist nicht weniger anspruchsvoll. Es ist nur anders kalibriert. Schauspieler müssen Emotionen schneller, klarer und visueller erzählen. Gesicht, Blick, Mikroreaktionen und Energie sind extrem wichtig, weil der enge Smartphone-Frame jede Regung vergrößert.
Warum reicht gutes klassisches Schauspiel nicht automatisch für Vertical Drama aus?
Eine sehr gute klassische Schauspiel-Leistung im Vertical Drama kann manchmal zu subtil, zu realistisch oder zu langsam sein. Klassisches Schauspiel arbeitet mit psychologischer Tiefe und innerer Komplexität. Vertical Drama braucht diese Wahrheit auch, aber sie muss sofort sichtbar werden. Die Herausforderung ist, dass Schauspieler extreme Tropes und emotionale Zuspitzungen ernst nehmen, ohne sie zu ironisieren oder psychologisch zu beschweren. Eine Szene darf überhöht sein, aber sie darf nicht peinlich wirken. Das ist eine eigene Tonalität.
Welche Rolle spielt der erste Eindruck im Vertical Drama?
Die entscheidende. Der erste Eindruck ist im Vertical Drama ein dramaturgisches Werkzeug. Das Publikum begegnet einer Figur zuerst über Gesicht, Energie und Screen-Magnetismus. Erst danach kommt die Frage nach psychologischer Tiefe.
Gerade im Casting ist wichtig: Entsteht im engen Smartphone-Frame sofort Präsenz? Bleibt mein Blick an dieser Person hängen? Versteht man über Gesicht, Blick und Energie sofort, was diese Figur auslöst? Will ich nach drei Sekunden mehr wissen? Diese unmittelbare visuelle Anziehung ist im Vertical Drama Teil der Erzählfunktion.
Wie wichtig ist Realismus im Vertical Acting?
Realismus ist wichtig, aber nicht im klassischen Sinn. Vertical Drama hat eine eigene emotionale Logik. Viele Situationen sind ja realistisch betrachtet total absurd oder extrem. Im Vertical Drama geht es oft um große Fantasie-Setups: Sie wacht nach einer Nacht auf – und der Mann neben ihr ist plötzlich ihr neuer Chef. Der reichste Mann im Raum sagt: „Ich löse dein Problem, aber du heiratest mich.“ Der Mann, den sie hassen müsste, rettet sie vor allen anderen. Oder der gefährlichste Typ in der Geschichte ist ausgerechnet der, der sie beschützt. Genau diese Überhöhung muss man spielen können: ernsthaft, sexy, emotional klar – und ohne sich für das Melodrama zu entschuldigen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt.
Die Figur muss glaubwürdig fühlen, aber sie bewegt sich in einer Wish-Fulfillment-Welt. Zu viel Realismus kann das Format schwer, unangenehm oder unsexy machen. Zu wenig Wahrheit macht es trashig. Genau da liegt die Balance.
Was bedeutet „emotionale Klarheit“ im Vertical Drama?
Emotionale Klarheit bedeutet, dass das Publikum ohne Erklärung versteht, was eine Figur gerade fühlt. Schock, Kränkung, Begehren, Wut, Hoffnung, Selbstverrat – diese Beats müssen in Sekunden sichtbar werden. Das heißt nicht, dass man platt spielen soll. Im Gegenteil: Die Präzision ist entscheidend. Ein Blick kann einen Cliffhanger tragen. Eine minimale Irritation kann zeigen, dass eine Figur lügt, begehrt oder verletzt ist. Aber die emotionale Richtung muss klar sein. Vertical Drama hat wenig Zeit für Unschärfe.
Warum sind Close-ups, Mimik und Mikroreaktionen im Vertical-Format so entscheidend?
Weil Vertical Drama über Nähe funktioniert. Der 9:16-Frame rückt das Gesicht ins Zentrum. Große körperliche Aktionen, Rauminszenierung oder lange Dialogführung treten zurück. Das Publikum fokussiert sich auf Augen, Atem, Kiefer, Mundwinkel, Blickwechsel.
Gerade in Romance, Dark Romance oder Billionaire-Tropes entsteht Spannung oft nicht durch den Kuss, sondern durch den Moment davor: ein halber Schritt zu nah, ein Blick, der zu lange bleibt, ein kurzes Weichwerden. Diese Mikroreaktionen entscheiden, ob ein Beat erotisch, gefährlich, verletzlich oder unfreiwillig komisch wirkt.
Sie sprechen davon, dass die Hauptfigur ein „Wunsch-Avatar“ des Publikums ist. Was meinen Sie damit?
Damit meine ich: Die Hauptfigur ist im Vertical Drama keine realistische Identifikationsfigur nach dem Motto „So bin ich auch“. Sie ist eine Wunschversion: „So wäre ich gern, wenn alles größer, schöner, gefährlicher, klarer und unmittelbarer wäre.“ Das Publikum projiziert sich in eine Figur hinein, die begehrt wird, unterschätzt wird, fällt, gedemütigt wird, aber zurückkommt. Eine Figur, die Dinge erlebt, die man im echten Leben vielleicht ablehnen oder für absurd halten würde, die innerhalb der Fantasie aber aufregend sind. Dieser Wunsch-Avatar muss so stark funktionieren, dass das Publikum mit ihr mitfiebert, ihr Fehler verzeiht und unbedingt sehen will, dass sie am Ende gewinnt.
Welche Eigenschaften braucht eine starke weibliche Hauptfigur im Vertical Drama?
Eine starke weibliche Hauptfigur muss emotional sofort verständlich sein. Man muss in den ersten Sekunden spüren, was sie fühlt, was sie verletzt und warum man auf ihrer Seite sein soll. Sie muss attraktiv, lebendig, verletzlich, charmant und gleichzeitig begehrenswert sein. Besonders wichtig ist für mich die sogenannte Forgivability: Das Publikum muss ihr auch dann folgen wollen, wenn sie impulsiv, naiv, chaotisch oder objektiv unklug handelt.
Sie darf Fehler machen, aber wir müssen sie trotzdem lieben. Sie darf wütend sein, aber nicht hart werden. Sie darf sexy sein, aber muss dafür einen Grund haben. Sie darf unterschätzt werden, aber wir müssen einen inneren Trotz oder ein heimliches Begehren spüren. Im Idealfall löst sie gleichzeitig Schutzinstinkt, Revanchewunsch und Fantasie aus.
Und was macht einen starken männlichen Lead aus?
Ein starker männlicher Lead braucht Screen Gravity. Er muss im engen Frame – bevor er überhaupt spricht – sofort Status, Kontrolle und Begehren ausstrahlen. Gerade bei Boss-, Billionaire-, Alpha-, Mafia- oder Rival-Tropes ist wichtig, dass die Figur nicht nur attraktiv aussieht, sondern eine Fantasie verkauft. Er muss gefährlich wirken können, aber nicht unangenehm. Dominanz muss als Souveränität lesbar sein, nicht als echte Aggression. Gleichzeitig braucht er einen emotionalen Riss. Wenn unter Kontrolle, Kälte oder Arroganz keine Verletzung sichtbar wird, entsteht kein romantischer Payoff. Der starke Male Lead macht die weibliche Hauptfigur größer, begehrter und mutiger – nicht kleiner.
Wo liegt die größte Herausforderung für Schauspieler*innen im Vertical Drama?
Die größte Herausforderung liegt in der Tonalität. Schauspieler*innen müssen schnell, präzise und emotional klar spielen, ohne in Parodie zu kippen. Sie müssen Melodrama ernst nehmen, aber dosieren können. Sie müssen Situationen tragen, die auf dem Papier absurd wirken, und darin erkennen: Warum ist diese Szene für das Publikum aufregend? Welcher Wunsch steckt darunter – gesehen zu werden, begehrt zu werden, gerettet zu werden, sich zu rächen oder plötzlich Macht zu bekommen? Hinzu kommt das Tempo. Vertical-Produktionen werden unter Hochdruck produziert. Schauspieler*innen müssen nicht nur gut spielen, sondern schnell umschalten, Varianten liefern und ihre Energie über viele Takes stabil halten.
Welche Konsequenzen hat das für Casting-Entscheidungen?
Im Casting kann man nicht nur nach klassischer Schauspielqualität entscheiden. Natürlich müssen Schauspieler spielen können. Aber zusätzlich frage ich: Funktioniert diese Person im 9:16-Close-up? Ist der emotionale Beat sofort lesbar? Entsteht Chemistry im engen Frame? Kann sie oder er eine extreme Trope-Situation als Fantasie verkaufen?
Deshalb sind Vertical-Castings sehr spezifisch. Ich würde Self-Tapes immer direkt im Hochformat anfordern, mit engem Framing. Sides sollten high-energy, trope-heavy und emotional eindeutig sein: Demütigung, Status-Flip, sexuelle Spannung, Cliffhanger. Und ich würde Leads immer in Varianten sehen wollen: realistisch, vertical kalibriert und maximal melodramatisch. Entscheidend ist, ob jemand die Höhe steuern kann.
Wenn Sie Vertical Acting in einem Satz zusammenfassen müssten – wie würde dieser lauten?
Vertical Acting heißt: Du erfüllst die Fantasie des Publikums. Und du spielst die Emotion so eindeutig, magnetisch und echt, dass Wegswipen keine Option mehr ist.
Sonia Ben Salah
Head of Daily & Fiction bei Constantin Entertainment
Die Produzentin und Formatentwicklerin verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Entwicklung und Produktion fiktionaler und non-fiktionaler Formate. Nach Stationen unter anderem bei ProSieben, Odeon Entertainment und filmpool Entertainment kehrte sie 2024 zu Constantin Entertainment zurück. Aktuell beschäftigt sie sich insbesondere mit der Entwicklung und Produktion von Vertical-Drama-Formaten sowie neuen Formen des mobilen Storytellings.