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Perspektivwechsel: „Warum Vertrauen am Set nicht von allein entsteht“ von Alexandra Hajok

01.07.2026 | Alexandra Hajok

In unserer monatlichen Kolumne „Perspektivwechsel“ geben Vertrauenspersonen (VPs), Institutionen oder Diversity-Beauftragte Einblicke in ihre Arbeit, Perspektiven und Herausforderungen innerhalb der Branche. Diesmal lest ihr den Beitrag von Alexandra Hajok, zertifizierte Vertrauensperson, die anlässlich des Stammtisches der Schauspielgewerkschaft BFFS mit Schauspielerin Esther Roling gesprochen hat.

Respektvolle Zusammenarbeit am Filmset beginnt dort, wo Menschen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn Unsicherheit entsteht.

Beim BFFS-Stammtisch in Hamburg stand genau diese Frage im Mittelpunkt. Gemeinsam mit Schauspielerin und Regionalpatin Esther Roling sprach ich über die Rolle der Vertrauensperson am Set, den Respect Code Film und darüber, warum klare Strukturen und Zuständigkeiten allein nicht ausreichen – sie müssen auch gelebt werden.

Im Anschluss an den Abend habe ich mit Esther darüber gesprochen, welche Unsicherheiten Schauspielende heute erleben, warum viele Grenzüberschreitungen unausgesprochen bleiben, was es braucht, damit Vertrauen im Arbeitsalltag die Grundlage für Zusammenarbeit bildet und Verbindung und Kreativität fördert.

Denn die Zweifel darüber, was Filmschaffenden ansprechen dürfen, an wen sie sich wenden können und wie mit diesen Informationen umgegangen wird, gehört zu den zentralen Problemen an Filmsets.

Beim BFFS Stammtisch in Hamburg im Juni 2026 wurde eines sehr deutlich:

Wir sprechen in der Branche über Veränderung – aber viele wissen (noch) nicht, an wen sie sich wenden können, wenn persönliche Grenzen überschritten werden und das Gefühl entsteht: Irgendwas stimmt hier nicht.

Die Einladung zu diesem Abend entstand im Austausch mit der Schauspielerin und Stammtischpatin Esther Roling, die sich im Rahmen ihrer Arbeit im Bundesverband Schauspiel e.V. (BFFS) intensiv mit den aktuellen Entwicklungen rund um den Respect Code Film und den Arbeitsrealitäten von Schauspieler*innen beschäftigt.

Dass das Interesse an dem Thema groß ist, zeigte sich bereits im Vorfeld.
Und im Raum selbst wurde schnell spürbar, warum.

Ich war eingeladen, das Berufsbild der Vertrauensperson am Set vorzustellen.
Während ich erklärte, welche Rolle diese Funktion einnehmen kann, entstand im Raum etwas sehr Gleichzeitiges:

Erleichterung – und Verunsicherung.

Ein „Endlich!“ war zu hören.
Und gleichzeitig Fragen in den Gesichtern:

Was darf ich sagen?
Wann ist etwas „zu viel“?
Und an wen wende ich mich überhaupt?

Diese Spannung ist kein Zufall.
Sie zeigt, wo wir gerade stehen.

In den letzten Jahren hat sich strukturell einiges bewegt.

Mit dem Respect Code Film hat sich die Branche auf gemeinsame Werte verständigt und ein klares Signal gesetzt: Respekt, Schutz und ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld sind gemeinsame Verantwortung.

Die Rolle der Vertrauensperson ist Teil dieser Entwicklung – als Maßnahme zur Prävention und als Anlaufstelle für vertrauliche Beratung.

Das ist wichtig und wertvoll.

Denn zwischen dem, was formuliert ist und dem, was am Set tatsächlich gelebt wird, liegt aktuell ein Raum, der von Unsicherheit geprägt ist.

Ein Raum, in dem viele lieber schweigen als sprechen.

Nicht erst bei großen Vorfällen.
Sondern im Alltag.

Es kann schon mit unverhältnismäßigen eCasting-Anforderungen beginnen.
Wenn unangebrachte Kommentare Unbehagen bewirken.
Wenn ein aggressiver Tonfall die Setatmosphäre stört.
Bei Kommentaren, die „nicht so gemeint“ waren – und dennoch etwas auslösen.

Esther Roling beschreibt diese Realität aus ihrer Perspektive als Schauspielerin sehr treffend:
Manche Situationen sind im laufenden Prozess schwer einzuordnen, dass führt zu Unsicherheit, so dass Dinge unausgesprochen bleiben - vielleicht auch auf Kosten des kreativen Potenzials.

Was ich in Gesprächen immer wieder wahrnehme, ist nicht nur das Fehlen von Wissen über bestehende Strukturen.
Sondern eine tief verankerte Zurückhaltung.

Die Sorge, etwas falsch einzuordnen.
Die Angst, Konsequenzen zu tragen.
Oder die Erfahrung, dass es sich nicht lohnt, etwas anzusprechen, weil sich ohnehin nichts verändert.

Diese Dynamiken sind eng verbunden mit den hierarchischen Strukturen, in denen wir arbeiten und mit einem System, in dem Sichtbarkeit, Anschlussfähigkeit und Beschäftigung oft miteinander verknüpft sind.

Das führt dazu, dass viele sich im Zweifel eher zurückziehen, als in die Kommunikation zu gehen. Vertrauen und dadurch Sicherheit, Spielpotenzial und diese einzigartige Stimmung am Set, wenn alle verbunden sind, drohen verloren zu gehen.

Genau hier setzt die Rolle der Vertrauensperson an.

Nicht erst dann, wenn etwas eskaliert ist.
Sondern viel früher.

Eine (externe) Vertrauensperson steht an der Seite der ratsuchenden oder betroffenen Person. Sie hört zu, hilft bei der Einordnung und klärt gemeinsam, ob und welche nächsten Schritte sinnvoll sein können. Dabei geht es immer darum, individuell und situationsbezogen den Weg zu finden, der für die ratsuchende Person passend ist – wertfrei, ohne Druck und ohne Vorgaben.

Manchmal löst sich bereits im ersten Gespräch ein Teil der Anspannung. Manchmal geht es einen Schritt weiter und ein Vorfall wird gemeldet. Welcher Weg eingeschlagen wird, entscheidet immer die betroffene Person – aus einer informierten, klareren und stabileren Position heraus.

Als Vertrauensperson überstülpe ich niemandem etwas. Ich höre zu, informiere und begleite auf Wunsch durch den weiteren Prozess. Ich bin eine erste Anlaufstelle während der Dreharbeiten – jedoch keine Psychologin oder Juristin. Ich unterstütze dabei, passende weiterführende Hilfe zu finden. Im besten Fall  wirke ich bereits präventiv im Vorfeld mit, sodass Konflikte gar nicht erst entstehen.

Strukturen wie der Respect Code Film sind ein wichtiger Schritt.
Doch ihre Wirkung entfaltet sich erst dann, wenn sie im Arbeitsalltag ankommen und gelebt werden.

Vertrauen entsteht nicht durch Regelwerke allein.
Sondern durch erlebbare Strukturen.
Durch klare Zuständigkeiten.
Und durch Räume, in denen Unsicherheit ausgesprochen werden darf, bevor sie sich verfestigt.

Die Rolle der Vertrauensperson kann genau hier ansetzen.
Nicht als Kontrollinstanz, sondern als Brücke.

Ich verstehe meine Arbeit nicht nur als Begleitung von Einzelpersonen,
sondern als Zusammenarbeit mit Produktionen und Institutionen,
die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie tragfähige und funktionierende Strukturen entstehen können.

Dazu gehört für mich, gemeinsam zu klären:
Welche konkreten Anlaufstellen braucht es in unserer Branche und an Filmsets?
Wie müssen Beschwerdewege gestaltet sein, damit sie tatsächlich genutzt werden?
Und wie lassen sich Maßnahmen so integrieren, dass sie als selbstverständlicher Teil der Zusammenarbeit verstanden werden – nicht als Zusatz, sondern als Grundlage.

Denn am Ende geht es nicht nur darum, auf Probleme zu reagieren – sondern darum, Verantwortung strukturell so zu verankern, dass Unsicherheit nicht zu Sprachlosigkeit führt.

Das Gespräch in Hamburg war kein Abschluss, sondern ein Anfang.

Der Abend in Hamburg hat keine Antworten abgeschlossen – sondern Fragen geöffnet, die wir als Branchenangehörige weiterführen müssen.

Darüber hinaus zeigt sich bereits jetzt: Der Bedarf nach Aufklärung und tragfähigen Strukturen geht über einzelne Formate hinaus – weitere Gespräche mit Berufsverbänden und Akteur*innen sind bereits angestoßen.

Hinweis: Alexandra Hajok ist am Montag zu Gast beim BFFS-Stammtisch Köln und stellt dort die Rolle der Vertrauensperson am Set vor. Interessierte Mitglieder und nicht Mitglieder sowie Filmschaffenden aus allen Gewerken sind herzlich eingeladen.

Beim BFFS-Stammtisch. Im Vordergrund: Ruth Marie Kröger, Alexandra Hajok, Esther Roling

Beim BFFS-Stammtisch. Im Vordergrund: Ruth Marie Kröger, Alexandra Hajok, Esther Roling

Interview Alexandra Hajok und Esther Roling

Aus ihrer Perspektive als Schauspielerin und engagiertes Mitglied im Bundesverband Schauspiel e.V. (BFFS) erlebt Esther Roling die aktuellen Entwicklungen rund um den Respect Code Film und den Umgang mit Unsicherheiten am Set sehr nah.

Als Ansprechperson für Norddeutschland begegnen ihr in Gesprächen mit Schauspieler*innen die Realitäten hinter den Strukturen. (Innere) Konflikte im Arbeitsalltag – und die Frage, was es braucht, damit Vertrauen, Kommunikation und klare Grenzen in der Praxis tatsächlich gelebt werden können.

Du begegnest dem Thema sowohl als Schauspielerin als auch in deiner Arbeit im BFFS: Welche Rolle kann eine Vertrauensperson am Set deiner Erfahrung nach tatsächlich einnehmen – und wo liegen aktuell noch Grenzen?

Eine Vertrauensperson ist eine erste Instanz, eine Ansprechpartnerin und ggfs. auch eine Vermittlerin. Sie arbeitet vertraulich und ist an Verschwiegenheit gebunden. Eine Vertrauensperson hört zu, bietet eine erste Anlaufstelle, unterstützt dabei, das Geschehene einzuordnen und gibt Handlungsempfehlungen. Sie ist keine Psychologin oder juristische Instanz. Das ist ein bedeutender Unterschied.

Viele Situationen sind nicht eindeutig. Woran merken Schauspieler*innen, dass eine Grenze überschritten ist – oder sich „nicht richtig“ anfühlt?

Mir wird von verschiedensten Erfahrungen berichtet. Schambehaftet runtergespielt beginnt es oft mit: „Ist aber nicht so schlimm!“Mögliche Warnsignale können sein: Gedankenspiralen, das Infragestellen von (eigenen) Kompetenzen, Rückzug bis hin zum kompletten Shutdown. Das ist in erster Linie ungesund. Es kann sich aber natürlich auch auf die Spielleistung und auf die Setatmosphäre auswirken. Das schadet dem Individuum und der Produktion. Im schlimmsten Fall wird dann nicht mehr miteinander gearbeitete - akut und/ oder zukünftig.

Du sprichst von Unsicherheit im Umgang mit solchen Situationen: Was hält viele davon ab, Dinge anzusprechen?

Die Sorge, als schwierig zu gelten. - In einer Branche mit kurzfristigen Engagements und hoher Konkurrenz wiegt das schwer. Dazu kommt häufig die Angst, überreagiert zu haben, oder die eigene Wahrnehmung im Nachhinein selbst zu relativieren. Die aktuell schwierige Situation in unserer Branche verstärkt diese Mechanismen.

Diplomatie heisst übersetzt NICHT: seine Grenzen nach und nach zu verschieben. Stark und heldenhaft ist NICHT: Aus- und Durchhalten. Vor allen Dingen nicht, wenn Grenzen längst überschritten sind - wenn es unprofessionell und gefährlich wird. Doch das ist, Gott sei Dank, die Ausnahme.

Welche inneren Konflikte erlebst du bei Schauspieler*innen besonders häufig, wenn es um Grenzverletzungen oder unangenehme Situationen geht?

Das Wem, das Ob und das Wie.

Wem kann ich mich anvertrauen, z.B. wenn ich eine erste Einordnung brauche. Ein geschultes Ohr in Form einer Vertrauensperson am Set kann hier direkt für Entlastung in der Situation sorgen. Das Ob: soll ich überhaupt was sagen? Was erwartet mich dann? Und wie stelle ich es gut und richtig an, damit es konstruktiv bleibt und sicher für mich ist?

Bei solchen und ähnlichen Fragestellungen helfen die Informationsangebote des BFFS - so wie z.B. dieser Stammtisch, der die Teilnehmenden zu so einem frühen Zeitpunkt über dieses neue Berufsbild informiert hat und mit uns im Austausch bleibt.

Beim BFFS gibt es bereits Angebote vertraulicher Beratung, etwa „Auf den Hund gekommen“ oder auch die Zusammenarbeit mit der Themis Beschwerdestelle. Wie werden diese Angebote aktuell wahrgenommen und genutzt?

„Auf den Hund gekommen“ war ein Link auf unserer Seite zu einem Formular. Dieser wurde damals kurzfristig im Zuge der MeToo-Ereignisse eingeführt. Seit der Gründung der Themis Vertrauensstelle wird er nicht mehr in seiner ursprünglichen Form genutzt.

Unser kostenloses juristisches Beratungsangebot ist eine gute Anlaufstelle.

Falls jemand aus irgendeinem Grund nicht die unabhängige Beratungsstelle Themis in Anspruch nehmen möchte oder direkt eine juristische Beratung benötigt. Die Adresse aufdenhundgekommen@bffs.de ist weiterhin aktiv für alle Formen von Missständen, bei denen keine direkte individuelle Hilfe benötigt wird. Diese Meldungen werden von unseren Justiziaren natürlich vertraulich behandelt

Was passiert konkret, wenn sich jemand an eine solche Stelle wendet – und wo bestehen aus deiner Sicht noch Hürden?

Bei der Themis Vertrauensstelle gibt es sowohl juristische als auch psychologische Erstberatung, anonym und kostenlos, unabhängig von der Produktion.

Die größte Hürde ist meiner Erfahrung nach trotzdem der erste Schritt selbst: die Befürchtung, dass einem nicht geglaubt wird oder dass es berufliche Nachteile gibt. Gerade bei kurzfristigen Engagements und vielen Selbstständigen in unserer Branche ist diese Sorge oft groß. Dem begegnen wir mit Aufklärung und Informationsangeboten.

Was braucht es aus deiner Sicht, damit Schauspieler*innen sich sicher genug fühlen, ihre Grenzen zu benennen – ohne Angst vor Konsequenzen?

Das ist sehr individuell. Je nach Typ. Wie bei allen Menschen gibt es auch unter uns Schauspielenden diejenigen, die sich mutig und emotional in den kalten Wind stellen und diejenigen, die ängstlicher, besonnener oder rationaler (re-) agieren. Schlussendlich geht es um das Miteinander.

Der Respect Code Film macht Hoffnung: Seit November 2024 ist die Vertrauensperson am Set erstmals branchenweit verankert – mitinitiiert vom BFFS, gemeinsam mit der Produktionsallianz und ver.di, unterschrieben von ARD, ZDF, Netflix und vielen mehr. Es gibt inzwischen eine eigene zertifizierte Weiterbildung dafür, und idealerweise sind die Vertrauenspersonen eben unabhängig von der einzelnen Produktion und schon beim Warm-up am Set präsent, nicht erst, wenn etwas passiert ist. Dass aus einer guten Absicht jetzt ein eigenes, professionalisiertes Berufsbild wird, ist genau der richtige Schritt – und das gibt mir persönlich freudvolle Zuversicht für unsere Branche.

Über diesen QR Code kommt ihr zu weiteren Hilfsangeboten. Auf ww.bffs.de findet ihr alle weiteren Informationen zu Eurer Gewerkschaft.

Alexandra Hajok

Gastautorin und Vertrauensperson

Alexandra Hajok arbeitet seit vielen Jahren eng mit Schauspieler*innen, Filmschaffenden, Medienunternehmen und Schauspielagenturen und kennt die Dynamiken am Set aus unmittelbarer Praxis.

Stationen in der Regieassistenz bei nationalen und internationalen Kinoproduktionen – darunter „Nymphomaniac“ von Lars von Trier und „Quellen des Lebens“ von Oskar Roehler – sowie ihre Tätigkeit als Arbeitsvermittlerin für Schauspiel in der ZAV Hamburg, die Leitung einer eigenen Schauspielagentur und ihr Engagement im Verband der Agenturen in Polen prägen ihr Verständnis für die unterschiedlichen Perspektiven innerhalb der Branche – auch im internationalen Kontext.

Als zertifizierte Vertrauensperson Film und Kultur begleitet sie Menschen in herausfordernden Situationen und berät Produktionen und Institutionen beim Aufbau von Beschwerdestrukturen, klaren Prozessen und vertrauensbasierten Arbeitsumfeldern.

Zudem begleitet Alexandra Hajok Schauspieler*innen als Dienstleisterin bei beruflichen Anliegen und persönlichen Fragestellungen.

Alexandra Hajok

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Homepage Alexandra Hajok

Esther Roling

Schauspielerin, Green Consultant und Coach

die Schauspielerin und Mutter zweier Kinder ist seit 2014 Stammtischpatin des BFFS Nord. Als Ansprechperson für schauspielrelevante Themen in Norddeutschland ist sie filmpolitisch bestens vernetzt. Zusammen mit ihrem Team organisiert und moderiert die Wahlhamburgerin Panels und verschiedenste Formate und Netzwerkveranstaltungen. Neben ihrer Sprech- und Schauspieltätigkeit hat sie die Plattform DeinePerlen.de gegründet sowie die Green Actors Lounge mitgegründet. Als ausgebildete Green Consultant ist sie seit 2020 „Vertreterin Nachhaltigkeit“ im BFFS. Esther Roling arbeitet als Executive Coach für Präsenz und Wirkung und ist Teil des We Are Sparks Coachingnetzwerks.

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