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Perspektivwechsel: Von der Ausnahme zur Regel

24.08.2026 | Laura Schuhrk

Braucht die Filmbranche einen Social Motion Standard? Laura Schuhrk ging für die Deutsche Akademie für Fernsehen beim Filmfest München 2026 der Frage nach, wie soziale Verantwortung in der Filmproduktion sichtbar und überprüfbar werden kann. Dabei beginnt die Debatte nicht bei null. Best-Practice-Modelle und Erfahrungen zeigen, welche Wege funktionieren. Entscheidend ist, wie daraus ein verlässlicher Maßstab wird. Kann ein soziales Siegel diesen Schritt unterstützen? Laura Schuhrk konzipierte und organisierte das Panel. Die Rede, die sie dafür verfasst hat, findet Ihr weiter unten. In unserer monatlichen Kolumne „Perspektivwechsel“ geben Vertrauenspersonen (VPs), Institutionen oder Diversity-Beauftragte sowie Aktivist*innen Einblicke in ihre Arbeit, Perspektiven und Herausforderungen innerhalb der Branche. Diesmal lest ihr den Beitrag von Laura Schuhrk von der Deutsche Akademie für Fernsehen (DAfF).

Laura Schuhrk erblühte in der DDR als Tochter einer Schauspielerin und eines Bildhauers, im Theater, zwischen den Zeilen. Bereits während ihres Schauspielstudiums von 1994 bis 1998 an der Hochschule für Musik und Theater Rostock wurde sie am Theater als Gast engagiert und übernahm ihre erste Hauptrolle in einer ARD Serie.

Es folgten über 70 TV- und Kinoproduktionen. 2016 absolvierte sie an der Master School Drehbuch in Berlin eine Ausbildung zur Autorin für Film und Fernsehen.

Im Jugendfilmcamp Arendsee ist sie seit 2022 als Dozentin tätig. Als Vorsitzende von Pro Quote Film (2022 bis 2024) war sie Mitinitiatorin von ffd PQF – Familienfreundliches Drehen. Seit 2026 gehört sie dem Vorstand der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF) an.

Ganz nebenbei wurde Laura von ihrem Sohn und ihrer Tochter allein erzogen, mitten in Berlin.

Laura Schuhrk © Sibylle Anneck

Laura Schuhrk © Sibylle Anneck

Vom Tabuthema zum Social Motion Standard


Die Filmbranche spricht über Nachhaltigkeit. Über Mülltrennung. Generatoren. Green Producing. Alles richtig, aber wer Arbeitskräfte verheizt, produziert nicht nachhaltig, nicht ökologisch, nicht sozial, nicht ehrlich.

Care-Arbeit ist in unserer Branche noch immer ein Tabuthema, weil sie nicht in die Erzählung passt, die lautet: Wer Film macht, muss brennen. Das Problem ist: Viele brennen nicht mehr für den Film – sie brennen aus.

Eltern stehen unter wachsender Mehrfachbelastung. Mental Load, Erschöpfung und psychosozialer Druck wirken auf Partnerschaften, Gesundheit, Familienplanung und Kinder. Und dieser Druck bleibt nicht bei der Arbeit. Er kommt mit nach Hause. Kinder merken, wenn Eltern nur noch funktionieren. Wenn Erschöpfung zum Familienklima wird.

Und jetzt setzen wir darauf noch die Filmbranche. Eine Branche mit langen, unberechenbaren Arbeitszeiten. Eine Branche, in der Verfügbarkeit mit Leidenschaft verwechselt wird und „Wir sind doch alle eine Familie“ oft heißt: Eure Erschöpfung ist privat. Unser Drehplan nicht verhandelbar.

Filmproduktion funktioniert noch immer zu oft nach dem Prinzip: maximale Verfügbarkeit, minimale Planbarkeit. Elternschaft. Pflege. Krankheit. Schwangerschaft. Stillzeit. Erschöpfung. Alles Sonderfälle. Alles individuelles Management. Alles irgendwie zu lösen. Hauptsache, der Drehplan bleibt heilig. Aber ein Drehplan ist kein Naturgesetz. Er ist eine Entscheidung.

Die österreichische Studie „Be available – be flexible“ zeigt: Über 80 Prozent der Befragten arbeiten zumindest gelegentlich mehr als 60 Stunden pro Woche und haben weniger als elf Stunden Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen. Das ist keine Flexibilität – das ist Rücksichtslosigkeit. Kein individuelles Scheitern, sondern eine Struktur, die Menschen behandelt, als wären sie unbegrenzt verfügbar – ohne Körper, ohne Sorgeverantwortung, ohne Bruchstellen.

Dazu kommt der alte Mythos: Wer wirklich will, findet eine Lösung. Das klingt nach Freiheit, ist aber oft nur die Privatisierung von Überforderung. Und diese Überforderung trifft nicht alle gleich. Sie trifft diejenigen am härtesten, die gesellschaftlich ohnehin dafür zuständig gemacht werden und Lücken zu schließen: Frauen.

Mütter werden als Risiko wahrgenommen, während Väter als Ernährer Anerkennung finden. Der Vater arbeitet für die Familie, die Mutter arbeitet trotz Familie. Nach einer Kinderpause oder Pflegephase steht nicht selten die Angst vor Arbeitslosigkeit im Raum. Und gleichzeitig klagt genau diese Branche über Nachwuchs- und Fachkräftemangel.

Nehmen wir die Sorgearbeitslücke, den sogenannten Gender Care Gap. Frauen in Deutschland leisten jährlich 72 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit. 72 Milliarden Stunden. Kinder betreuen. Angehörige pflegen. Haushalt organisieren. Termine halten. Kümmern. Erinnern. Auffangen. Das ist Infrastruktur. Dabei leisten Frauen deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer: knapp neun Stunden mehr pro Woche. Die Sorgearbeitslücke liegt bei 43 Prozent. Neun Stunden. Mehr als ein ganzer Arbeitstag. Ein Tag, der nicht bezahlt wird, nicht sichtbar ist, nicht karrierefördernd. Und trotzdem hält genau diese Arbeit alles am Laufen.

Prognos beziffert allein den Wert der von Frauen geleisteten unbezahlten Kinderbetreuung und Pflege auf 826 Milliarden Euro im Jahr. 826 Milliarden Euro. Und während diese Arbeit als selbstverständlich vorausgesetzt wird, endet sie für viele Frauen später in einem sehr konkreten Risiko: Altersarmut.

Erst wird Sorgearbeit als Liebe verbucht. Dann fehlt sie als Einkommen. Dann fehlt sie als Rente. Und am Ende nennt man es individuelles Schicksal. Das ist kein Schicksal. Das ist ein Systemfehler. In der Filmbranche verschärft sich das noch einmal. Denn hier gilt Verfügbarkeit als Währung. Wer Care-Arbeit leistet, verliert nicht nur Zeit, sondern Marktwert.

Das ist der brutale Punkt. Verfügbarkeit ist nicht für alle dasselbe. Für die einen ist sie Professionalität. Für die anderen: Existenzdruck. Die einen können Entscheidungen treffen. Die anderen müssen sie sich leisten können. Die einen können Risiko nehmen. Für andere wird Risiko sofort existenziell.

Die Sorgearbeitslücke wird in der Filmbranche zur Karrierelücke. Zur Rentenlücke. Zur Sichtbarkeitslücke. Zur Machtlücke. Diese Lücken stehen nicht nebeneinander. Sie greifen ineinander. Denn Frauen zahlen doppelt. Erst mit unbezahlter Sorgearbeit. Dann mit schlechter bezahlter Erwerbsarbeit.

Es gibt den Gender Pay Gap. Der liegt in der Filmbranche zwischen 34 und 58 Prozent. Es gibt die Klassenlücke. Die Ost-West-Vermögenslücke. Die Rassismus- und Netzwerklücke. Dahinter stehen sehr konkrete Unterschiede: Soloselbständig. Festangestellt. Tagesgagen. Weisungsgebundenheit. Rücklagen. Erbschaften. Wohneigentum. Namen. Kontakte. Seilschaften. Oder eben nicht.

Wer kann eine schlechte Gage ablehnen? Wer kann Planung einfordern? Wer kann Pause machen, ohne zu verschwinden? Vereinbarkeit ist keine harmlose Familienfrage. Sie ist eine Machtfrage. Sie entscheidet, wer bleibt. Also: Wie kommen wir vom Tabuthema zum Standard?

Familienfreundliches Drehen bedeutet realistischere Drehtage, frühere Buchabnahmen, teilbare Jobs, Care-Budgets, Kinderbetreuung, Angstfreie Kommunikation, klare Ansprechstrukturen. Ich nenne das bewusst: Social Motion Standard. Weil Film zwar mit Technik entsteht, aber vor allem von Menschen gemacht wird, die in Beziehungen leben, Verantwortung tragen und Grenzen haben.

Wenn wir ökologische Produktionsstandards umsetzen, müssen auch soziale Produktionsstandards ernst genommen werden. Es reicht nicht, Flüge zu zählen und Generatoren zu ersetzen. Wir müssen auch fragen, welche Belastungen eine Produktion erzeugt und wer sie trägt.

Wir reden gern von Filmfamilie. Das hört man auf Panels, bei Premieren, in Dankesreden. Aber Familie heißt nicht: Einige träumen, andere tragen. Einige entscheiden, andere halten durch. Wenn wir Filmfamilie sagen, müssen wir über Fürsorge sprechen. Als Struktur. Denn eine Familie, die nur Loyalität einfordert, aber keine Verantwortung übernimmt, ist keine Familie.

Familiengerechtes Drehen ist kein Luxusproblem. Es ist Fachkräftesicherung, Gleichstellung, Qualitätssicherung, psychische Gesundheit. Wer von Filmfamilie spricht, muss Strukturen schaffen, die Menschen tragen und schützen.

Nicht irgendwann. Jetzt!

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