Nostradamus Report 2026
| Johanna Koljonen, Zusammenfassung Cloude
Der Nostradamus Report ist ein jährlicher Branchenbericht des Göteborg Film Festivals, der seit 2013 erscheint. Der diesjährige Report 2026 wurde am 18. Mai beim Marché du Film in Cannes von Medienanalystin Johanna Koljonen präsentiert.
Der Report
Was er ist: Eine vorausschauende Analyse der nahen Zukunft der Screen-Industrien – also Film, TV, Streaming und zunehmend auch Online-Video. Er basiert auf Interviews mit Branchenexperten und eigener Recherche.
Wer ihn schreibt: Autorin ist Johanna Koljonen, Medienanalystin. Herausgeber ist das Göteborg Film Festival, das führende Filmfestival der nordischen Länder.
Partner: German Films, Kulturakademin, MOIN Film Fund Hamburg Schleswig-Holstein, Netherlands Film Fund, Creative Europe MEDIA, Region Västra Götaland, Nordisk Film & TV Fond.
Besonderheit: Er ist kein reiner Datenreport, sondern verbindet Marktdaten mit qualitativen Experteneinschätzungen und hat einen klar argumentativen, manchmal provokanten Ton. Er will die Branche nicht nur beschreiben, sondern zum Umdenken anregen.
Die 2026-Ausgabe trägt den Titel „Challenging Projections" und ist die 13. Ausgabe. In diesem Jahr expandiert das Nostradamus-Projekt erstmals über den Jahresbericht hinaus — mit einem Newsletter (Nostradamus Perspectives) und einem Podcast.
Für Crew United ist er vor allem als Orientierungslektüre relevant: Was die Branche bewegt, wohin sich Berufsbilder entwickeln, wie sich Finanzierung und Distribution verändern.
Die Branche befindet sich inmitten simultaner Umbrüche auf allen Ebenen: Entwicklung, Finanzierung, Produktion, Distribution und Auffindbarkeit von Inhalten. Nichts davon funktioniert mehr wie vor fünf Jahren – und eine Rückkehr zum Alten wird es nicht geben.
Gesamtlage
Marktdaten
Das TV-Drama-Produktionsvolumen dürfte sich bei 75% des Hochpunkts einpendeln. Film hat bereits Rekordniveaus erreicht. Kino-Besuche erholen sich zwar vom Pandemie-Einbruch, sind aber langfristig rückläufig.
Globale Streaming-Abonnementerlöse wuchsen 2025 um 14% auf 157,1 Mrd. USD – eine Verdreifachung in fünf Jahren. Der Aktienmarkt behandelte das als Enttäuschung, in der Realität ist es ein respektables Ergebnis in einem reifenden Markt.
Microdramas – kurze vertikale Serienformate von 1–3 Minuten – erwirtschafteten 2025 global 11 Mrd. USD. Für 2026 werden 14 Mrd. prognostiziert, für 2030 über 20 Mrd. Disney+ und Netflix haben bereits vertikale Video-Feeds eingeführt.
Creator Economy
Scripted Online Content ist seit über 15 Jahren ein Einstiegsweg ins Film- und TV-Geschäft – besonders für übersehene Nachwuchstalente. Filmschulen und öffentliche Förderinstitutionen müssen dessen wachsende Bedeutung endlich anerkennen.
Die „New Content Economy" ist die Schnittmenge aus Creator Economy und Experience Economy. Entscheidend ist der direkte Besitz von Publikumsbeziehungen und deren Monetarisierung über digitale und physische Erlebnisse. Tiefe der Bindung schlägt Reichweite: 10.000 tief engagierte Fans sind wirtschaftlich wertvoller als 10 Millionen passive Zuschauer.
Europäisches Kino & Förderung
Von den in Europa produzierten Filmen verkauften 86% weniger als 100.000 Tickets, 66% weniger als 10.000. Unter 10% der europäischen Filme dürften die Produktionskosten über den Kinostart amortisieren – und die Besucherzahlen sinken weiter.
Das europäische Fördersystem ist zu langsam und in vielen Bereichen offensichtlich gebrochen. Wenn 21 Partner nötig sind, um eine Serie zu finanzieren, stimmt etwas grundlegend nicht.
Publikum & Populärkultur
Die konventionelle Filmbranche – besonders in Europa – setzt Popularität mit Trivialität gleich. Diese Haltung ist elitär, schlecht informiert und kontraproduktiv. Sie schadet der Repräsentation auf der Leinwand und den Karrieren von Frauen und Minderheiten.
Fans betreiben aktiv Marketing: Ein erheblicher Teil der Zeit, die Zuschauer mit einem geliebten IP verbringen, entfällt nicht auf das Werk selbst, sondern auf Creator-Content rund darum – Recaps, Reviews, Fan-Art, Diskussionen. Das ist kein Verlust, sondern ein Wertgewinn für die Marke.
Ausblick
In drei bis fünf Jahren werden wir weniger, aber intentionalere Projekte sehen. Projekte ohne klar definiertes Publikum werden Schwierigkeiten haben, eine Finanzierung zu finden. Erfolg neu zu denken bedeutet: nicht messen, wie viel Einzelne gewinnen, sondern ob alle gedeihen können.