Grenzerfahrung und der Traum vom Aussteigen: „Die andere Seite“
| Redaktion
Nina Hoss glänzt nicht nur auf Theaterbühnen, sie ist vor allem für ihre markanten Rollen in Film und Fernsehen bekannt. In „Die andere Seite“ (Casting: Eva Roth | VOeCD) spielt sie die Ärztin Hanna, die durch eine ansteckende Krankheit alles verloren hat. Als Infizierte ist sie Überträgerin des Virus und wird von der Gesellschaft ausgeschlossen. Hanna hat sich in die Einsamkeit der Berge geflüchtet, wo sie in der alpinen Wildnis zur Einzelkämpferin geworden ist.
Als die Hanna auf eine junge Frau trifft, die ebenfalls zu den Ausgegrenzten zählt, ändert sich alles. Hanna nimmt sich ihrer an, gemeinsam wollen sie über die Alpen nach Süden, wo ein Leben in Freiheit möglich scheint. Vor einer rauen, atemberaubenden Bergkulisse entfaltet der Film seine volle Wucht und erzählt von Flucht, Freiheit und Grenzerfahrungen. Der Film ist ab sofort in den deutschen Kinos zu sehen.
Nina Hoss studierte ab 1995 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Bis 2013 trat sie am Deutschen Theater sowie am Berliner Ensemble und Schauspielhaus Zürich auf, 2013/2014 schloss sie sich dem Ensemble der Berliner Schaubühne an.
Im Laufe ihrer Karriere erhielt sie zahlreiche Preise, darunter den Adolf-Grimme-Preis (2003 und 2005) und den Bayerischen Fernsehpreis (2005). 2019 bekam sie den Douglas Sirk Preis, der alle drei Jahre für einen besonderen Beitrag zur Filmkultur vergeben wird. 2020 erhielt sie den Hannelore Elsner Preis und 2025 den TIFF Tribute Performance Award des Toronto International Film Festival.
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Was waren Ihre Gedanken, als Sie das Drehbuch von Mariko Minoguchi zum ersten Mal gelesen hatten?
Ich erinnere mich, dass ich zurückversetzt wurde in die Zeit der Coronaepidemie. Man ist als Gesellschaft durch etwas durchgegangen, was durchaus traumatisch war. Wir haben diese Epidemie gemeinschaftlich, als Kollektiv erlebt und wollten sie nach ihrem Ende schnell aus den Gedanken verbannen. Mit Marikos Drehbuch etwas zu lesen, das sich mit der Frage beschäftigt, was wäre, wenn es tatsächlich so eine Situation gäbe, in der Hanna ist, in der Menschen ausgegrenzt werden, weil sie das Virus weiterhin in sich tragen und damit weiterleben können, aber ansteckend sind, was das in einer Gesellschaft auslösen würde, welche Ängste und Mechanismen ins Spiel kommen, fand ich faszinierend. Sich hineinzuversetzen in einen Menschen, der aus dem Leben komplett rausgerissen wurde, der nicht mehr zurückkann. Was macht das mit einem? Was bedeutet es für uns, aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, und zwar so weit, dass man niemandem in irgendeiner Form nahekommen kann? Man kann sich nicht mal eine kurze tröstliche Umarmung abholen.
Das Thema Grenze kommt in verschiedenen Spielarten vor: Ausgrenzung von der Gesellschaft, Hanna befindet sich in den Alpen in einem Grenzgebiet, sie macht eine Art Grenzerfahrung durch in ihrem völligen Isoliertsein, es ist (fast) immer ein räumlicher Abstand, eine Grenze zwischen ihr und den paar wenigen Menschen, die sie trifft. Können Sie beschreiben, wie Sie Hanna wahrgenommen, erlebt haben?
Was ich wirklich interessant fand, war, wie Mariko die Figur angelegt hatte. Natürlich kann man denken: Wie überlebt jemand so was überhaupt? Hanna hat miterlebt, wie ihr Mann gestorben ist, wie ihr Kind gestorben ist. Sie selbst ist einfach zurückgeblieben. Das ist etwas Unverständliches. Man bleibt mit etwas zurück, was man gar nicht verarbeiten kann. Und vielleicht sogar mit dem Gedanken, dass sie als Ärztin das ansteckende Virus aus dem Krankenhaus nachhause gebracht haben könnte.
Hanna hat sich sehr in Routinen eingerichtet.
Ich fand spannend, Hanna in diesem Alleinsein mit sich und einem doch dauernden Beschäftigtsein zu sehen. Hanna kocht, geht raus, jagt, hat gelernt, wie man einen Hasen ausnimmt … Sie ist mittendrin in einem Leben, das man sich vielleicht manchmal sogar wünscht. Der Traum vom Aussteigen, raus in die Natur, mit der Natur im Einklang, um dem nachzuspüren, was unser menschliches Dasein eigentlich ist, wenn man nicht mit unserem kapitalistischen System konfrontiert wird. Mariko und ich wollten nicht, dass man dauernd ein Drama drunter spürt. Als Zuschauer:in merkt man natürlich, dass Hanna etwas nicht verarbeitet hat. Hanna hat gelernt, dieses Unverarbeitete irgendwo hinzupacken, in irgendeine Schublade ihres Körpers. Sie weiß, dass sie es irgendwann wahrscheinlich mal rausholen müssen wird. Ein bisschen erfährt man im Gespräch mit der alten Frau. Da wagt sie, davon zu erzählen.
Besonders einprägend ist die Szene mit dem Hund…
Da merkt Hanna wieder: Egal, wen sie anhaucht, sie bringt den Tod. Was macht das mit einem Menschen? In welche Form von Einsamkeit kommt man dadurch und was ist es dann, was einen trotzdem weitermachen lässt. Warum lebt man eigentlich, warum bleibt man weiter am Leben, was braucht es, um vom Leben zu lassen und will man das überhaupt. Das waren die Fragen, die um mich kreisten, während ich mich mit Hanna beschäftigt habe und da kommt man ja durchaus auch auf positive Antworten…. An Hanna sieht man, dass das Leben immer noch lebenswert ist, weil man immer noch was erleben kann, was man nicht erwartet hätte, man hatte sich sein Leben zwar so nicht vorgestellt, aber jetzt ist es so. Diese Neugier, die uns gegeben ist, kann man nicht einfach abbrechen. Hanna entscheidet sich, noch was zu erleben. Das fand ich eine gute Grundvoraussetzung. Diesen Weg wollte ich gerne mit ihr gehen.
Inwiefern haben Sie an der Rolle und am Rhythmus der Geschichte mitgearbeitet? Wie viel ist von Ihnen eingeflossen?
Wenn ich vom Rhythmus spreche, hat das was mit dem Moment des Handelns, des Agierens, des Schauspielens zu tun. Der Rhythmus im Film ist von Mariko und Editorin Monika Willi. Da habe ich keinen Einfluss drauf. Wenn Dinge gesagt standen, wo ich weiß, die kann man spielen, indem man es in den Blick legt oder in eine Handlung vorher, ohne dass sie gesagt werden müssen, ohne dass man es nicht noch mal erklären muss - das waren Dinge, wo ich mitkreiert habe. Ich erinnere mich an die Szene bei der alten Frau, wo Hanna zum ersten Mal lange spricht. Über deren Gestaltung haben Mariko und ich uns lange unterhalten. Auch über die Übergabe des Gewehrs. Wir fanden gut, wenn sie plötzlich kommt, nicht groß angekündigt wird, und dass man trotzdem als Zuschauer:in ahnt, was sie bedeutet. Was bei mir ähnlich ist, ist Hannas Form des Pragmatismus. Wahrscheinlich würde ich ähnlich agieren. Ich hoffe zumindest, dass ich mich dem Leben so stellen würde. Das finde ich interessant. Das hat mich an Hanna gereizt. Und rein aus privater Sicht, fand ich die Vorstellung, in den Bergen zu drehen, die Dolomiten hochzuspazieren, ebenso reizvoll.
Wie haben Sie den Dreh in der Natur erlebt?
Ich erinnere mich an Drehtage, wo unser kleines Team mit Rucksack und allem Equipment mehrere Stunden zu den Locations hochgewandert ist. Das war körperlich durchaus anstrengend. An Fahren war nicht zu denken. Oft wechselte das Wetter auch schlagartig. Wie bei der Szene mit dem Schlepper. Es goss in Strömen und ich wurde so wütend – da musste ich gar nicht mehr wütend spielen. Da kamen Leben und Fiktion zusammen. Teilweise haben wir auch hoch oben auf Hütten übernachtet, weil es zu gefährlich gewesen wäre, abends nach Drehschluss noch irgendwo ins Tal hinabzugehen. Das war ein richtiges Abenteuer und hat mir großen Spaß gemacht. Ich habe schon immer gezeltet, wir waren mit meiner Familie früher oft auf Abenteuerurlaub. Das hat sich weitergezogen in meinem Leben mit großen Reisen durch Kanada oder die Staaten, das Zelt immer im Gepäck. Die Natur reizt mich, ebenso der Aspekt, sich der Natur zu stellen. Sie ganz nah zu erleben.
Es gab eine intensive Vorbereitung und Probenphase. Sie durften einem Förster über die Schulter schauen, haben gelernt, wie man Hasen ausnimmt …
Das war wichtig, um ein Gespür zu bekommen. Wir lernen Hanna zu einem Zeitpunkt kennen, wo sie schon ein ganzes Weilchen in der Natur lebt. Alles, was sie macht, muss sie nicht mehr lernen, sie hat sich eingerichtet. Bis sie dieses eingerichtete verlassen muss… Das fand ich an Marikos Buch auch besonders. Normalerweise weiß man, dass die Figur ein Ziel hat. Hier weiß man es nicht. Hanna geht einfach los, man weiß nicht, wo sie hinwill, was ihr begegnen wird. Das ist irritierend und macht die Sache vielleicht ein bisschen sperrig. Aber es ist im Leben doch oft so. Mit dem Förster, der ein großartiger Mensch war, saß ich über drei Stunden auf einem Hochsitz. Wir haben auf Rehe gewartet. Das war eine neue Erfahrung, so lange schweigend mit jemandem zu sitzen. Fabelhaft. Dann dachte ich: Aber ich sitze hier ja mit jemandem. Wie ist es, wenn man immer allein ist und schweigt, wie bei Hanna? Da gibt es sicher Momente, die wundervoll sind, und wo man sagt, „Verweile doch, das ist so schön“.
Mir wurde bewusst, wie sehr wir es brauchen, das Erlebte mit jemandem zu teilen, weil man sonst das Gefühl hat, es nicht erlebt zu haben. Die Rückbestätigung des anderen, fehlt Hanna. Für mich standen nicht Dinge wie das Jagen lernen im Vordergrund, sondern diese Ansammlung von Situationen, durch die Hanna durchgeht. Natürlich war es auch wichtig, dass ich gelernt habe, wie viel Ruhe es beim Jagen braucht, wie wichtig dieser Moment ist, den man nicht verpassen darf, diese Präzision. Einen Hasen ausnehmen, hat mich durchaus Überwindung gekostet. Geholfen hat mir, dass ich wusste, dass das Tier auch gegessen wird. Das war die Abmachung. Da kam bei mir die Abenteurerin wieder zum Vorschein. Ich habe mich sowieso schon immer interessiert, wie es wäre, in eine Situation wie Hanna zu kommen. Jetzt weiß ich es.
Hanna ist eine Figur mit sehr wenig Text. Was hat das für Sie bedeutet?
Es war wichtig, die physische Bedeutung eines solchen Lebens rüberzubringen. Wenn sich Hanna etwa die Wunde selbst näht, wenn sie gezwungen wird, ins Dorf zu gehen… Auch die Situationen, in denen sie auf andere trifft. Wie begegnet Hanna den Menschen? Etwa, als sie auf das Camp stößt. Jeder ist dem anderen fremd und gleichzeitig weiß man um die jeweilige Situation. Ich fand toll, wie Mariko und die Ausstattung dieses Camp zeigen. Es ist kein schönes Camp. Da will man nicht sein. Das ist ein bitteres Leben. Man versteht auch, dass Hanna lieber allein wieder in die Berge ziehen will. Aber ihr Leben spült sie irgendwo hin, sie hat es nicht mehr im Griff. Ihre Kompagnonin Precious hat sie sich nicht ausgesucht. Sie fühlt dennoch eine Verantwortung, kann es nicht auf sich laden, nicht zu helfen. Es ist eher eine Zweckgemeinschaft.
Das einander Fremdsein und die Angst vor dem Fremden ist auch ein Thema des Films …
Ja, die Angst vor dem Fremden: Was ist das eigentlich, was uns so ängstlich werden lässt? Warum gehen wir nicht den anderen Weg und versuchen, keine Angst voreinander zu haben? Das heißt ja nicht, dass es nie Konflikte geben wird. Aber dass man diese aushält und ausdiskutiert, dass man neugierig bleibt und vielleicht sogar voneinander lernt. Das Schöne an Marikos Geschichte ist, dass sie nie belehrend ist. Sie stubst einen an, um über das Leben nachzudenken. Sie zeigt, dass wir ohneeinander nicht können. Dass es besser wäre, wenn wir es miteinander probieren, uns gegenseitig unterstützen und nicht immer diese Feindschaften aufbauen. Ich bin überzeugt, dass es die Angst ist, die uns festhält und manipulierbar macht. Der Angstzustand lässt einen nicht mehr klar denken, verhindert das Hinterfragen.
Wie haben Sie Mariko Minoguchi in der Zusammenarbeit erlebt?
Mariko ist wunderbar in vielerlei Hinsicht. Sie ist genau, präzise, gefühlvoll, frei in dem, was sie erzählen will. Sie ist sehr bedacht darauf, ihre eigene filmische Sprache zu finden, die durchaus von Filmtradition geprägt ist. Wir haben unglaublich viele Filme gemeinsam geguckt, haben über Filme gesprochen, über Schauspiel, über Perspektiven… Mariko ist ein offener, gedankenvoller, sorgfältiger Mensch, immer darauf bedacht, dass es allen gut geht. Gleichzeitig ist sie jemand, der weiß, was sie will. Das muss auch sein. Als Schauspielerin musst du wissen, dass du mit jemand arbeitest, der schlussendlich weiß, was er will. Das ist bei Mariko so. Neben ihrer großen Offenheit hat sie auch was Stures. Das ist ein schöner Charakterzug, weil man den in der Regie braucht. Mir hat es Freude gemacht, sie zu sehen, wie sie aufblüht, wenn wir zum Drehen kommen.
Was ist eine bleibende Erinnerung an die Dreharbeiten?
Im Film ist das nur ein kleiner Moment. Aber wunderschön war es, als Hanna hoch oben auf dem Berg in ihrem Zelt aufwacht. Das haben wir auf einem der höchsten Berge Österreichs gedreht. Es war ein total verlassener Ort, an dem ich ein Gefühl der Erhabenheit, der Freiheit, der Losgelöstheit hatte. Diese Momente beim Dreh haben mich geradezu glücklich gemacht, denn was ist es doch für ein Geschenk, dass ich mit meinem Beruf an solche Orte komme und auch noch was zu tun habe? Ich darf dort eine Geschichte erzählen, die ich teilen kann. Dieses Erlebnis ist sehr besonders.