Emily Atef über ihren neuen Film „Call Me Queen"
| SteinbrennerMüller Kommunikation
Queen (Eliane Umuhire) ist eine selbstbewusste, willensstarke Frau, die sich mit ihren zwei Kindern im Nairobi der 1990er Jahre durchschlägt. Als sie der irischen Journalistin Anna (Denise Gough) begegnet, die als Auslandskorrespondentin in Nairobi arbeitet, entsteht zunächst eine unerwartete Verbindung und schließlich eine außergewöhnliche Freundschaft. Das Casting hat Isabella Odoffin übernommen, Kinostart in Deutschland ist der 15. Oktober 2026.
„Call Me Queen“ erzählt nach wahren Begebenheiten über Solidarität, Selbstbestimmung und den Kampf für den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten. Was hat Sie persönlich an dieser Geschichte so berührt, dass Sie sie erzählen wollten?
Ich erinnere mich noch gut an die späten 90er-Jahre und an die Meldungen von damals und an die Tendenz, wegzusehen, weil das Leid so groß war. Eigentlich ist das alles vor den Augen der ganzen Welt passiert, aber trotzdem haben die meisten weggeschaut.
Verändert hat sich seitdem erschreckend wenig: Covid, Ebola und andere Krisen zeigen immer wieder dasselbe Muster „The Western World First". Es fehlt an echter Solidarität, an Menschlichkeit, an Empathie für das Leid von Menschen, die weit weg sind und uns deshalb weniger zu betreffen scheinen. Das erleben wir ja auch heute wieder sehr deutlich. Und dann ist da diese Geschichte, die zeigt, wie viel Einzelne trotzdem bewirken und inspirieren können.
Emily Atef
© Alamachere
Queen und Anna kommen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten und begegnen sich zunächst mit Misstrauen. Trotzdem entwickelt sich zwischen ihnen eine Freundschaft auf Augenhöhe. Warum war Ihnen diese Dynamik so wichtig?
Einer der Gründe, weshalb mich dieses Projekt so interessiert hat, ist, dass Queen eine sehr starke, kompromisslose Frau ist, die sich für nichts entschuldigt. Das bringt automatisch Spannung und Entwicklung in die Geschichte. Die Gleichberechtigung zwischen den beiden war für uns essentiell, dass sie sich gegenseitig Impulse geben, ohne Berührungsängste.
Besonders wichtig war uns dabei, dass der Impuls für Veränderung von Queen und ihrer Community ausgeht, nicht von Anna, dass nicht die weiße Protagonistin den Anstoß gibt und die Veränderung ermöglicht. Das wollten wir auf jeden Fall vermeiden.
Genauso wichtig war uns, dass auch Anna versteht: Sie kann an Queens Seite stehen und sie unterstützen, aber sie muss loslassen und Queen und ihre Community ihren eigenen Weg gehen lassen, auch wenn sie mit manchem nicht einverstanden ist.
Sie und Josune Hahnheiser haben gemeinsam mit der kenianischen Autorin Hawa Essuman das Drehbuch nach dem Roman „Mercy“ von Lara Santoro entwickelt. Wie hat diese Zusammenarbeit den Blick auf die Geschichte geprägt?
Ich bin mehrmals zur Recherche nach Nairobi gefahren und habe dort vor Ort sehr viele Menschen getroffen, die alle eine ganz persönliche Geschichte mit der Aids-Epidemie verbunden hat. Als ich dann zur Vorbereitung und zum Dreh fünf Monate in Nairobi war, zeigte sich in all den Gesprächen mit dem Team immer wieder dasselbe: Jeder im kenianischen Team und der Schauspieler*innen hatte eine eigene Geschichte von Verlust durch Aids zu erzählen. Dadurch wurde alles, was wir zuvor so intensiv recherchiert hatten, nochmal sehr konkret und real, und es hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie nah dieses Thema eigentlich immer noch ist.
Und von Anfang an war es uns in der Entwicklungsarbeit auch sehr wichtig, mit einer kenianischen Autorin zusammenzuarbeiten. Hawa Essuman hat den authentischen Blick auf die Geschichte mitgebracht und unzählige Details eingebracht, die der Erzählung ihre Glaubwürdigkeit geben. Vor allem aber hat sie unsere Diskussionen mit einem gelebten Wissen angereichert, das keine noch so gründliche Recherche ersetzen kann. Und natürlich hat sie gemeinsam mit George Mungai, der auch am Set immer vor Ort war, die Dialoge überarbeitet.
Der Film erzählt afrikanische Geschichte aus der Perspektive der Menschen, die sie erlebt haben. Gleichzeitig waren Cast und Crew international besetzt. Wie wichtig war Ihnen eine enge Zusammenarbeit mit dem kenianischen Team, sowohl vor als auch hinter der Kamera?
Um eine afrikanische Geschichte authentisch zu erzählen, war für uns von Anfang an klar, dass das nur in engster Zusammenarbeit mit einem majoritär kenianischen Team gelingen kann. Unser Produzent Gian-Piero Ringel hat es sogar hinbekommen Ausnahmen zu verhandeln, damit wir mehr kenianisches Team ins Projekt holen konnten. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung, und ich habe mich dabei menschlich sehr getragen und unterstützt gefühlt. Ich habe schon in vielen Ländern gedreht, aber was mich in Kenia besonders beeindruckt hat, war die Freude an der Arbeit. Es war kein leichter Dreh, aber was ich so noch in keinem anderen Land erlebt hatte, war diese Liebe zur Arbeit, und ein großer Stolz, genau diese Geschichte zu erzählen.
Im Westen ist der Kampf für den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten von der queeren Bewegung angeführt worden. Bewegungen wie ACT UP (AIDS Coalition to Unleash Power), die Ende der 80er auf originelle und medienwirksame Weise gegen die Untätigkeit der Politik und die Stigmatisierung von Aids protestieren, sind auch hier immer noch nicht genug besprochen worden. Mit „Call Me Queen“ wird auch ein Teil der afrikanischen Geschichte aufgearbeitet. Wie war die Zusammenarbeit mit den echten Aktivistinnen für das Projekt?
Im Kern geht es mir darum, dass gewaltfreier Kampf und aktiver Widerstand heute wichtiger sind denn je. Damals gingen kenianische Frauen auf die Straße, um für Emanzipation und den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten zu kämpfen. Heute geht es in Kenia noch immer um Gleichberechtigung, sichtbar etwa in den Protesten gegen Femizide, aber auch um demokratische Grundrechte, den Kampf gegen Korruption und den Widerstand gegen autoritäre politische Entscheidungen. Die Aktivistinnen von damals sind bis heute Heldinnen. Einige von ihnen waren Teil der Demonstration, die wir im Film zeigen, und ihre Lieder sind bis heute Ausdruck dieses Widerstands.
Während der Dreharbeiten habe ich jedoch auch eine neue Generation politischer Aktivistinnen und Aktivisten kennengelernt. Sie protestieren gegen Korruption, Polizeigewalt und die Regierung unter Präsident William Ruto und fordern demokratische Reformen. Auch Mitglieder unseres Teams waren Teil dieser Bewegung und haben sich unter Einsatz ihres Lebens an den Protesten beteiligt. Diese Themen lassen sich auf die ganze Welt übertragen: von den Ängsten vieler US-Amerikaner*innen unter Donald Trump und den internationalen Folgen seiner Politik bis hin zu stagnierenden beziehungsweise in mehreren Weltregionen wieder steigenden HIV-Neuinfektionen.
„Call Me Queen“ spielt Ende der 1990er Jahre, doch viele der Fragen, die der Film stellt, sind bis heute aktuell, z.B. der Zugang zu Medikamenten, globale Ungleichheit. Was macht den Film für Sie zu einer Geschichte über unsere Gegenwart?
Beim Zugang zu lebensrettenden Medikamenten bestehen deutliche Parallelen zu damals: Wohlhabende Staaten können neue Präparate meist frühzeitig und in großen Mengen beschaffen, während ärmere Länder meist später Zugang erhalten und zusätzlich mit Preis, Patent, Infrastruktur und Versorgungsproblemen konfrontiert sind.
Ein Beispiel dafür ist Paxlovid, eines der wichtigsten antiviralen Medikamente gegen COVID-19. Während in Deutschland große Mengen beschafft wurden, von denen ein erheblicher Teil ungenutzt blieb und später vernichtet werden musste, kam das Medikament in vielen Ländern des globalen Südens erst spät oder gar nicht an. Natürlich gibt es auch positive Entwicklungen und Beispiele für Fortschritt, die ich keineswegs ausblenden möchte. Dennoch zeigt sich, dass viele der Fragen, die „Call Me Queen“ stellt, bis heute ungelöst und von unmittelbarer Dringlichkeit sind.
„Call Me Queen“ ist eine Reflexion über Empowerment und Emanzipation von einzelnen Menschen, Communities und ganzen Gesellschaften. Die Themen des Films reichen weit über die damalige Zeit hinaus und sind bis heute nicht nur relevant, sondern von grundlegender Gültigkeit. Ich lade das Publikum dazu ein, sich zunächst emotional und erst in einem zweiten Schritt intellektuell auf den Film einzulassen. Ich hoffe, dass wir damit zum Nachdenken anregen, den Wunsch nach Engagement wecken und letztlich zum Handeln ermutigen.
In Ihren Filmen erzählen Sie häufig von Frauen, die ihren eigenen Weg finden und sich gegen gesellschaftliche Erwartungen behaupten. Was verbindet Queen mit den Protagonistinnen Ihrer früheren Filme?
Was für mich Queen und die Protagonistinnen meiner früheren Filme verbindet, ist, dass es Frauenfiguren sind, die eine starke innere Entwicklung durchmachen und dabei ihre eigene Stärke entdecken, meist, in Lebensumständen, die sie an ihre Grenzen bringen. Es geht in allen um Selbstbestimmung. Frauen, die für sich selbst einstehen und ihren eigenen Weg zu gehen, auch gegen Widerstände.
„Call Me Queen“ zeigt, dass gesellschaftliche Veränderung oft von einzelnen Menschen ausgeht, die den Mut haben, den ersten Schritt zu machen. Glauben Sie, dass Kino solche Impulse geben und Menschen dazu ermutigen kann, selbst aktiv zu werden?
Ja, absolut. Und das ist für uns einer der wesentlichen Aspekte dieses Films. Es geht nicht nur um den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten, sondern um Widerstand und um die Kraft von Gemeinschaft im Kampf gegen Ungerechtigkeit. Und genau das macht den Film auch heute noch so ungemein aktuell.
Kino kann genau solche Impulse geben. Geschichten wie die von Queen zeigen, dass Veränderung nicht von Institutionen oder großen Organisationen ausgehen muss, sondern oft mit dem Mut Einzelner beginnt, die sich zusammentun und für das einstehen, was ihnen wichtig ist. Wenn ein Film das erlebbar macht, kann es Menschen ermutigen, aktiv zu werden.
Mit was für einem Gefühl sollen die Zuschauer*innen „Call Me Queen“ verlassen? Und was wünschen Sie sich, dass die Zuschauer*innen nach „Call Me Queen“ mit nach Hause nehmen?
We have the power. Hoffnung und das Gefühl von eigener Handlungsfähigkeit und Kraft. Wir haben es in der Hand, wenn wir uns zusammenfinden. Und jede*r kann den Anfang machen. Jede*r einzelne zählt.
„Call Me Queen“ ist ein Film über Selbstbestimmung und Solidarität von Frauen. Welche Frauen in der Weltgeschichte inspirieren Sie oder haben Sie inspiriert?
Es gibt viele Frauen, die mich inspirieren, dazu zählen Wangari Maathai, die als erste afrikanische Frau den Friedensnobelpreis erhielt und sich unermüdlich für Umweltschutz und die Rechte von Frauen in Kenia eingesetzt hat, und Jane Goodall. Sie hatte diese Art, sehr sanft und gleichzeitig unglaublich stur zu sein, und unglaublich ist, dass sie in einer Zeit, in der sie kaum ernst genommen wurde, tatsächlich eine ganze Bewegung aufgebaut hat.
Ein großes Vorbild ist meine Mutter. Schon sehr jung hat mich ihr Humanismus und ihr Aktivismus geprägt. Immer wieder lebten wir mit Geflüchteten zusammen, während meine Jungend. Schon als ich drei Jahre alt war, gingen wir einmal die Woche ins Gefängnis, um einen Freund aus der Elfenbeinküste zu besuchen, der wegen Immigrationsproblemen dort saß. Ich liebte es, mit ihr dorthin zu gehen. Darum ging es bei ihr immer: gegen Ungerechtigkeit einzustehen und um Empathie. Dabei war sie sehr meinungsstark und hatte nie Angst vor Widerstand.