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©  2025 Discovery Communications Benelux B.V. HBO Max ist Eigentum von Home Box Office, Inc. Alle Rechte vorbehalten./Julia Terjung
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Die Hamadys von Anfang an: Iris Baumüller über „4 Blocks Zero“

23.09.2026 | Tina Thiele

Wie besetzt man die Vergangenheit von Figuren, deren Zukunft das Publikum bereits kennt? Mit „4 Blocks Zero“ kehrt HBO Max zu den Anfängen der Familie Hamady zurück: ins Berlin der 1990er Jahre, lange bevor aus Ali Toni Hamady und aus der Familie ein einflussreicher Clan wurde.

Casting Director Iris Baumüller (BVC | ICDA), die bereits die ursprüngliche Serie „4 Blocks“ besetzte, stand damit vor der Aufgabe, vertraute Figuren neu zu entdecken. Die neuen Darstellenden mussten eine Verbindung zu den bekannten Figuren herstellen, ohne sie lediglich zu imitieren. Gleichzeitig sollte aus Menschen mit sehr unterschiedlichen Ausbildungswegen und Dreherfahrungen ein glaubwürdiges Familienensemble entstehen.

Regie führten Özgür Yıldırım und Hüseyin Tabak, die sich selbst als Brüder bezeichnen. Ergänzend zum Gespräch mit Iris Baumüller beantworten der Schauspielcoach Prodromos Antoniadis und Anke Greifeneder, Executive Producer bei HBO Max, jeweils drei Fragen. Ihre Perspektiven zeigen das Zusammenspiel von Casting, Coaching, Regie und Produktion.

© Heike Siebler

Interview mit Iris Baumüller

Iris, Du hast bereits das Casting der ursprünglichen Serie „4 Blocks“ verantwortet. Was war Dein erster Gedanke, als feststand, dass nun die Vorgeschichte der Hamadys erzählt werden soll?
Mein erster Gedanke war: Das wird eine echte Herausforderung. Wir wollten die bereits bekannten Figuren in ihrer Jugend erzählen. Wir konnten niemanden aus „4 Blocks“ besetzen, und auch keine Schauspielenden aus der Serie „Para“, die ich ebenfalls für Wiedemann & Berg und Anke Greifeneder gecastet habe.

Es begann also eine ganz neue Suche nach Schauspielenden mit libanesischem oder syrischem Hintergrund, die den entsprechenden Dialekt sprechen. Dieser Markt ist in Deutschland sehr klein. Innerhalb dieser begrenzten Auswahl mussten Spiel, Sprache, Alter, Aussehen und vor allem die Energie der Figuren zusammenkommen. Also habe ich überall geguckt, in den Communities, der Musikwelt, Street-Castings und im europäischen Ausland.

Gibt es bei Dir nach so vielen Jahren noch dieses Kribbeln oder wird ein solches Casting irgendwann zur Routine?
Ein Projekt mit solchen Parametern erzeugt bei mir bis heute eine elektrische Spannung. Wer hat den Background, die Skills, den Spirit, die Ähnlichkeit, die Kraft und die Wahrhaftigkeit unsere 4 Blocks Meilensteine Kida Ramadan, Veysel Gelin, Wasiem Taha (Massiv), Frederick Lau in jung zu verkörpern? Hinzu kamen die neuen Elternrollen, der kleine Bruder und der Onkel. Gerade bei libanesisch deutschsprachigen Schauspieler*innen ab 50 sind wir schon damals bei 4 Blocks an unsere Grenzen gestoßen. Zu Beginn eines Castings mit Spezialrecherche weiß man nie, ob man in der vorgegebenen Zeit wirklich genau den Cast findet, den das Projekt braucht. Dieser Respekt vor der Aufgabe und die Anspannung sind immer da, bis man den perfekte Cast gefunden hat.

Was war das erste Briefing für das Prequel? Wie viel äußerliche, stimmliche oder körperliche Ähnlichkeit war erwünscht?
Der Rahmen war eng, aber wir wollten ausdrücklich keine rein optische Besetzung. Natürlich mussten die jungen Darstellenden glaubwürdig zu den bekannten Figuren führen. Entscheidend war jedoch ihre Energie: Man sollte in ihnen bereits etwas von den späteren Figuren erkennen können, ohne dass sie wie deren Kopien wirken. Menschen sehen mit 18 nicht genauso aus wie mit 39, 40 oder 50. Auch eine markante Physiognomie kann sich im Laufe eines Lebens verändern. Vor allem nach einem Streetfight ;) Darin lag unser Spielraum. Wir erzählten schließlich die Genese: Wie wird aus einem jungen, hoffnungsvollen Ali später Toni Hamady? Die Verbindung musste spürbar sein, aber die Darstellenden brauchten die Freiheit, zusammen mit Öz und Hüseyin eigenständige Figuren zu entwickeln.

Wie verhindert man, dass die neuen Darstellenden ihre späteren Pendants lediglich nachahmen?
Indem man nicht nach einer Kopie sucht, sondern nach dem inneren Ausgangspunkt der Figur. Bei Ali etwa ging es um einen jungen Mann, der noch unbedarft, weich, idealistisch und voller Tatendrang ist. Der spätere Druck, die Kriminalität und die Verantwortung für die Familie haben ihn noch nicht geformt. Trotzdem musste etwas von der Grundenergie, die wir aus „4 Blocks“ kennen, bereits aufblitzen. Beim Casting lag das Augenmerk neben den genannten Anforderungen auf einer starken Präsenz, Improvisationstalent und Glaubwürdigkeit und nach der Besetzung folgte eine sorgfältige Rollenvorbereitung. Unsere jungen Hamadys sollten nicht Gesten oder Sprechweisen nachbauen, sondern verstehen und entwickeln, wie ihre Figuren zu den Menschen werden, die das Publikum später kennt.

Wie seid Ihr bei der Suche vorgegangen – und wie lange dauerte der gesamte Prozess?
Insgesamt hat der Prozess rund ein Jahr gedauert. Die Hauptrollen standen früher fest, aber ein solches Projekt besteht nicht nur aus seinen Hauptfiguren. Hinzu kamen zahlreiche sehr spezielle Serien-, Episoden- und Nebenrollen, die fast alle unterschiedliche Backgrounds, Skills und Physis haben sollten. Bei der Suche nach den jugendlichen Hauptrollen hat Berti Caminecci mich bei der Community-Recherche unterstützt. Jacqueline Rietz castete die Kinder- und Jugendrolle Almila Bagriajic. Meine Casting-Assistentin Anni Salander hat ebenfalls einen großen Anteil an der umfangreichen Recherche und der Casting-Organisation zusammen mit Katharina Göttsche, unserem Fels in der Brandung. Der Weg führte von sehr umfangreichen E-Castings über einzelne Live-Castings zu Ensemble- und Konstellations-Castings. Nach dem Coaching entstanden weitere Probeaufnahmen. Erst danach wurde final besetzt. Es war sicher eines der intensivsten Castings, das ich bisher gemacht habe.

Tariq Al-Saies als Ibrahim © 2025 Discovery Communications Benelux B.V. HBO Max ist Eigentum von Home Box Office, Inc. Alle Rechte vorbehalten./Julia Terjung
Tariq Al-Saies als Ibrahim © 2025 Discovery Communications Benelux B.V. HBO Max ist Eigentum von Home Box Office, Inc. Alle Rechte vorbehalten./Julia Terjung

Die Suche führte schließlich weit über Deutschland hinaus. Warum war dieser Schritt notwendig?
In Deutschland gab es einfach nicht genügend Schauspielende, die alle Anforderungen der Rollen erfüllten. Deshalb habe ich vorgeschlagen, europaweit zu suchen. In Dänemark fanden wir Tariq Al-Saies für die Schlüsselrolle des Onkels Ibrahim, in den Niederlanden Fatima Khanfour für die Großmutter Hanin. Bei Ibrahim war die Sprache ein besonders gutes Beispiel für die Möglichkeiten einer solchen Suche. Die Figur kommt nach acht Jahren Haft nach Deutschland und spricht ohnehin ein gebrochenes Deutsch. Entscheidend war deshalb nicht, ob der Darsteller bereits akzentfrei Deutsch sprach, sondern ob wir mit gezieltem Sprachcoaching den für die Biografie der Figur richtigen arabischen Akzent entwickeln konnten – und nicht versehentlich einen dänischen hörbar machten.

Welche Rollen waren besonders schwer zu besetzen – und wo gab es eine überraschend naheliegende Lösung?
Besonders anspruchsvoll waren Ali und Abbas. Für Abbas suchten wir eine Energie, die an Veysel Gelin heranführt. Mit Soufiane El Mesaudi, in der Musikbranche auch als Rapper SAFO bekannt, fanden wir jemanden, der diesen Spirit mitbringt: eine starke Stimme, Selbstbewusstsein, einen besonderen Habitus und etwas von derselben Naturgewalt – ohne Veysel zu kopieren. Bei Vince lag eine Lösung dagegen nah: Luis Vorbach hatte schon einmal die jüngere Version von Frederick Lau verkörpert und sieht ihm sehr ähnlich. Trotzdem war die Besetzung keineswegs nur äußerlich folgerichtig. Entscheidend war auch, dass er die Rolle inhaltlich überzeugend spielte.

Gab es jemanden, der Euren ursprünglichen Vorstellungen zunächst nicht entsprach, Euch beim Live-Casting aber vollkommen überrascht hat?
Rami Fadel Khalaf, der Malik Hamady spielt, hat uns im Live-Casting komplett beeindruckt. Er lebt in Deutschland, wurde hier aber bislang wenig wahrgenommen. Solche Entdeckungen sind ein wichtiger Teil der Casting-Arbeit: Jemand kann über Jahre in einer Casting-Datenbank sein, ohne wirklich wahrgenommen zu werden. Dann steht dieser "recherchierte" Schauspieler im Raum und zeigt eine Präsenz und Wandlungsfähigkeit, die deutlich macht, welches Potenzial bislang unentdeckt blieb.

Tareq Nassery alias Ali/Toni © Ben Drücker
Tareq Nassery alias Ali/Toni © Ben Drücker
Soufiane El Mesaudi alias Abbas © Fabian Stürtz
Soufiane El Mesaudi alias Abbas © Fabian Stürtz
Luis Vorbach alias Vince © Marcel Sauer
Luis Vorbach alias Vince © Marcel Sauer

Tareq Nassery spielt Ali, aus dem später Toni Hamady wird. Was hat er gezeigt, das ihn für Euch zu diesem jungen Ali machte?
Wir haben für Ali ein umfangreiches E-Casting durchgeführt und Tareq anschließend zum Live-Casting eingeladen. Als wir ihn im Live-Casting sahen, konnten wir den jungen Kida und damit den späteren Toni fühlen. Gleichzeitig brachte Tareq genau die Bandbreite mit, die Ali zu diesem Zeitpunkt braucht: Er war weich, ungeschliffen, idealistisch und noch nicht von seiner Umwelt, dem Druck und der Kriminalität geprägt. Tareq wollte diese Rolle unbedingt. Er brachte nicht nur großes Vertrauen mit, sondern auch einen starken eigenen Idealismus. Das hat uns imponiert. Uns war zugleich klar, dass die jugendlichen Hauptdarsteller und die Kernfamilie ein intensives Coaching benötigen würden, um die Biografien und die späteren Entwicklungen der Figuren präzise vorzubereiten.

Ging es zunächst um einzelne Rollen oder von Anfang an darum, ob die Schauspielenden gemeinsam tatsächlich wie eine Familie wirken?
Zunächst mussten wir die einzelnen Rollen/Persönlichkeiten finden. Danach wurde die Konstellation entscheidend. Auf die Einzel-Castings folgten Ensemble- und Konstellations-Castings. Wir wollten sehen, wie die Schauspielenden einander zuhören, wie sie aufeinander reagieren und ob zwischen ihnen Beziehungen entstehen, die nicht gespielt wirken. Das lässt sich nicht aus einzelnen Castings zusammensetzen. Erst im gemeinsamen Raum zeigt sich, ob aus sehr unterschiedlichen Menschen eine Familie werden kann und wie die Dynamik ist. Bei „4 Blocks Zero“ haben wir diesen Prozess durch das Coaching und weitere Probeaufnahmen noch einmal vertieft.

Das Ensemble bringt sehr unterschiedliche Ausbildungswege und Dreherfahrungen mit. Woran erkennst Du, ob jemand eine große Rolle tragen kann?
Zunächst an konkreten Dingen: Ist jemand gut vorbereitet, pünktlich und professionell? Wurde der Text genau vorbereitet? Kann der Schauspieler eine Regieanweisung hören, aufnehmen und umsetzen? Hat er sich inhaltlich mit der Figur auseinandergesetzt? Dann natürlich das schauspielerische Talent und die Präsenz – wollen wir und das Publikum ihm folgen? Erfahrung hilft, ist aber nicht alles. Präsenz kann durch gutes Coaching gestärkt werden. Deshalb darf ein Casting nicht nur danach fragen, was jemand in diesem einen Moment bereits perfekt kann. Es muss auch erkennen, welches Potenzial in diesem Menschen steckt.

©  2025 Discovery Communications Benelux B.V. HBO Max ist Eigentum von Home Box Office, Inc. Alle Rechte vorbehalten./Julia Terjung

Die Serie bewegt sich zwischen Fluchtgeschichte, gesellschaftlicher Ausgrenzung, Familie und Clan-Kriminalität. Welche Verantwortung hatte das Casting dabei?
Wir mussten Menschen und keine Milieu-Schablonen finden. Diese Familie kommt mit Hoffnung nach Deutschland. Die jungen Figuren sind idealistisch, voller Kraft und wollen sich ein Leben aufbauen. Erst durch ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung, Bürokratie und fehlenden Möglichkeiten geraten sie auf einen anderen Weg. Diese Offenheit und eine beinahe ungestüme Aufbruchskraft mussten in den jungen Darstellenden spürbar sein – ebenso wie das Potenzial für die spätere Entwicklung und Abgründe. Auch Marwan, der jüngste Bruder, möchte zunächst einfach in einen Fußballverein und dazugehören. Wie die Familie dort empfangen wird und was diese Erfahrungen mit ihr machen, gehört zu ihrer Geschichte. Wenn das Casting diese Menschen von Anfang an nur als spätere Kriminelle betrachtet hätte, wäre der Kern des Prequels verloren gegangen.

Deine Arbeit ging weit über die eigentliche Besetzungsentscheidung hinaus. Wie weit reichte Deine Rolle?
Casting kann eine schöpferische, kreative Tätigkeit sein. In diesem Projekt haben wir nicht nur Vorschläge für bereits feststehende Figuren gemacht. Wir arbeiteten mit Inspirationsdateien und entwickelten gemeinsam mit Özgür und Hüseyin Improvisations-Outlines. Manche Darstellende waren im Casting so stark, dass daraus die Frage entstand, ob eine Rolle größer werden oder sogar eine weitere Figur hinzukommen könnte. Ergebnisse aus den Castings flossen dadurch in die Buchentwicklung ein. Das war nur durch Vertrauen möglich. Dabei geht es nicht darum, in die Gewerke von Regie, Produktion oder Drehbuch einzugreifen. Im besten Fall greifen die Gewerke ineinander: Jede*r bringt die eigene Kompetenz ein und arbeitet den anderen so zu, dass Figuren, Bücher und Ensemble gemeinsam wachsen können. Entscheidend war auch, nach dem Endcasting nicht so zu tun, als müssten bereits alle am Ziel sein. Schauspielende brauchen Rollenvorbereitung – unabhängig davon, wie erfahren sie sind. Während eines Castings liegen zudem häufig noch keine endgültigen Bücher vor; wegen der Geheimhaltung werden manchmal nur Rollenbeschreibungen und Outlines ausgegeben. Die Kunst besteht dann darin, Potenzial zu erkennen und zugleich die nächsten Entwicklungsschritte mitzudenken.

Erinnerst Du Dich an den Moment, in dem für Dich plötzlich klar war: Jetzt steht die Familie Hamady vor uns?
Das war beim Konstellations-Casting, als alle zusammenspielten und ich sah, wie liebevoll sie mit dem jungen Bruder Marwan, unserem Monty, umgingen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, sie kennen sich schon seit Jahren. Dann bekommt man Gänsehaut.

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Welche Bedeutung hatten Sprache, Dialekte und der persönliche Bezug zur erzählten Lebenswelt?
Sie waren ein wichtiger Teil der Glaubwürdigkeit, aber nie das einzige Kriterium. Sprache und Dialekt mussten zur Herkunft und zur jeweiligen Biografie passen. Gleichzeitig haben wir nach Spiel, Präsenz, Energie und Entwicklungsmöglichkeiten gesucht. Ein biografischer Bezug kann einer Person einen besonderen Zugang geben, ersetzt aber keine schauspielerische Arbeit – und eine sprachliche Einfärbung darf umgekehrt kein vorschneller Ausschlussgrund sein, wenn sie sich durch Coaching präzise gestalten lässt. Gerade dieses Projekt zeigt, wie viel möglich wird, wenn Casting, Regie und Produktion das Visier öffnen und Zeit und Mittel für Sprach- und Schauspielcoaching einplanen.

An welchem Punkt kam Prodromos Antoniadis als Schauspielcoach hinzu? Wie eng waren Casting und Coaching miteinander verbunden?
Prodromos kam nach dem letzten Konstellations-Casting hinzu. Ich hatte ihn bereits vorher empfohlen, weil ich wusste, dass dieses Ensemble einen Coach braucht, der zu den Menschen, zum Genre und zu den Rollen passt. Jeder Stoff benötigt eine andere Art von Coaching. Nach dem Recall war für mich klar: Wir haben unser Ensemble gefunden, aber sie brauchen Zeit, um ihre Figuren präzise zu entwickeln. Ich weiß aus früheren Projekten, unter anderem aus der Zusammenarbeit mit Giles Foreman bei „4 Blocks“, welche Entwicklung ein gutes Coaching ermöglichen kann. Es bereitet die Schauspielenden nicht nur auf ihre Rollen vor, sondern kann gemeinsam mit der Regie neue Seiten der Figuren entdecken. Ich habe Prodromos mit Özgür Yıldırım und Hüseyin Tabak zusammengebracht. Danach musste die Vision vor allem zwischen Regie, Produktion und Coach genau abgestimmt werden. Das ist wesentlich: Ein Coaching funktioniert für eine Produktion nur dann, wenn alle Beteiligten wissen, wohin die Figur entwickelt werden soll. Wir haben uns diese Zeit genommen – und das Ergebnis wird hoffentlich für sich sprechen.

Wie war die Zusammenarbeit mit zwei Regisseuren und mehreren Entscheidungsträgern?
Özgür und Hüseyin bezeichnen sich selbst als Brüder, und genau so eng haben sie auch gearbeitet. Sie wechselten sich bei Castings ab, sprachen miteinander und trugen die Entscheidungen gemeinsam. Durch „4 Blocks“ bestand bereits großes Vertrauen, auch zwischen Anke Greifeneder, Özgür und mir. Bei einem so großen Ensemble bleibt es trotzdem eine zentrale Aufgabe des Casting Directors, alle Fäden zusammenzuhalten: immer wieder zu filtern, Schauspielende nicht vorschnell in die zweite Reihe geraten zu lassen und Kandidat*innen noch einmal nach vorne zu holen, die sich im Live-Casting bislang nicht zeigen konnten. Viele Stimmen können einen Prozess erschweren. Hier haben wir eine Sprache gesprochen. Dabei konnten wir auf Beziehungen aufbauen, die über viele Jahre und mehrere Projekte gewachsen sind. Mit Özgür arbeite ich seit der zweiten Staffel von „4 Blocks“ zusammen und mit Anke auch bei „Para – Wir sind King“. Mit den Produzenten Marcus Welke und Quirin Berg verbindet mich ebenfalls eine langjährige Zusammenarbeit, die wir gerade fortsetzen. Hüseyin kam in dieser Konstellation bereichernd hinzu. Gerade bei einem so komplexen Casting-Prozess ist dieses gewachsene Vertrauen unglaublich wertvoll.

Zwischen dem Casting von „4 Blocks“ und „4 Blocks Zero“ liegen fast zehn Jahre. Was hat sich bei den Zugängen und Möglichkeiten für Schauspielende mit unterschiedlichen Biografien verändert?
Der Markt ist heute viel europäischer. Über Plattformen und länderübergreifende Datenbanken kann ich selbstverständlich auch in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Dänemark, Schweden, Österreich oder der Schweiz recherchieren. Dort gibt es viele interessante, teilweise deutschsprachige und gut ausgebildete Schauspielende. Wir sollten uns weniger schnell von einer leichten sprachlichen Einfärbung abschrecken lassen. Nicht jede Figur, die in Köln lebt, muss klingen, als sei sie dort geboren. Und nicht jede Schweizer Schauspielerin spricht automatisch mit einem für die Rolle ungeeigneten Akzent. Mit offenem Casting und gezieltem Coaching können wir stärker aus dem europäischen Talentpool schöpfen. Diese Öffnung wirft allerdings auch praktische Fragen auf: Wer trägt Reise-, Casting- und Coachingkosten? Wenn wir vielfältiger und europaweiter suchen wollen, müssen Produktionen dafür entsprechende Mittel vorsehen. Künstlerisch lohnt es sich, weil dadurch neue Gesichter sichtbar werden, die der deutsche Markt bislang zu oft übersehen hat.

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Eine Hotelprobe mit unerwartetem Besuch
Ungewöhnliche Situationen gehören bei „4 Blocks“ offenbar zum Casting-Prozess: Schon bei der ursprünglichen Serie wurde Iris Baumüller kurzerhand als Bewährungshelferin vorgestellt. Auch während der Vorbereitung von „4 Blocks Zero“ ereignete sich eine Geschichte, die fast selbst wie eine Szene aus der Serie klingt: Nach einer intensiven Probe in einem Hotelzimmer wurde die Polizei gerufen. Was dort tatsächlich geschah, erzählt Schauspielcoach Prodromos Antoniadis im anschließenden Gespräch.

Vom Casting zum Ensemble -
drei Fragen an Schauspielcoach Prodromos Antoniadis

Im folgenden Gespräch beschreibt Prodromos Antoniadis, wie er die ausgewählten Darstellenden auf die entscheidende Casting-Runde und die gemeinsame Arbeit als Ensemble vorbereitete.

Wann kamst Du zu „4 Blocks Zero“ hinzu, und was war Deine konkrete Aufgabe bei der Vorbereitung des Ensembles?
Iris Baumüller kam zunächst mit einer sehr allgemeinen und zugleich ungewöhnlichen Anfrage zu mir. Sie verriet mir noch nicht, um welches Projekt es ging, sondern fragte, ob es mit meiner Technik möglich sei, Schauspielende anhand bereits bekannter Figuren auf eine entscheidende Casting-Runde vorzubereiten – so, dass eine Verbindung zur Vorlage entsteht und die jungen Figuren trotzdem eigenständig bleiben.

© Robert Morgenstern

Als ich erfuhr, worum es ging, wurde die Aufgabe sehr konkret: Iris war sich ihrer Auswahl sicher, bei anderen Entscheidungsträgern gab es noch Zweifel. Auf einen Satz reduziert sollte ich beweisen, dass die drei zentralen jungen Darsteller diese Figuren und damit auch die Serie tragen können. Ich analysierte zunächst ihre Casting-Tapes und die vorliegenden Drehbücher. Für jede Figur erstellte ich einen dramaturgischen Breakdown: Wo steht sie an welchem Punkt? Was treibt sie an? Welche schauspielerischen Voraussetzungen verlangt die Rolle, und was bringt der jeweilige Darsteller bereits mit? Aus den Büchern entwickelte ich dann gezielt Szenen, mit denen wir genau jene Fähigkeiten überprüfen konnten, bei denen noch Zweifel bestanden – beispielsweise, ob jemand einen emotionalen Zusammenbruch, Trauer oder eine Eskalation glaubwürdig spielen kann.

Die erste Arbeitsphase dauerte nur wenige Tage. Einer der drei war bereits so gut wie besetzt, bei den beiden anderen mussten wir sichtbar machen, was in ihnen steckt. Sämtliche Proben wurden gefilmt. Aus dem Material entstanden Zusammenschnitte, schriftliche Einschätzungen und anschließende Gespräche mit Casting, Regie und Produktion. Ich musste sehr genau erläutern, wo jeder Darsteller zu Beginn stand, was sich entwickelt hatte und warum ich überzeugt war, dass er die Rolle bewältigen kann. Als feststand, dass die drei die Rollen bekommen, saß ich gerade mit einer Freundin in der Bergmannstraße beim Essen. Wir haben es ihnen am Abend über unsere WhatsApp-Gruppen mitgeteilt: Sie sind vollkommen ausgeflippt vor Freude. Danach ging die eigentliche Vorbereitung über mehrere Wochen weiter. Rückblickend lag in meiner Einschätzung viel mehr Verantwortung, als mir am Anfang bewusst gewesen war. Gleichzeitig hätten wir ohne das enorme Talent, das Iris in ihnen gesehen hatte, und die Bereitschaft dieser drei Schauspieler niemals in so kurzer Zeit ein solches Ergebnis erreicht.

Wie eng war Dein Austausch mit Iris? Welche Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Casting hat sie an Dich weitergegeben?
Bis zur entscheidenden Casting-Runde war unser Austausch sehr eng. Iris gab mir die Casting-Tapes, die ich Bild für Bild analysierte: Wie reagieren die Schauspieler? Haben sie die Figur verstanden? Sind sie wirklich im Moment und beim Gegenüber – oder spielen sie noch zu sehr aus dem Kopf? Gerade bei diesen Figuren war Unmittelbarkeit entscheidend. Sie wägen nicht jeden Schritt lange ab, sondern handeln oft aus einem Reflex heraus. Iris arbeitet stark über Energie und Präsenz. Weil wir uns lange und gut kennen, kann ich ihre Wahrnehmung sehr schnell in meine Arbeitssprache übersetzen. Sie konnte sehr präzise sagen: Das ist schon da, hier fehlt noch etwas, und diese Seite müsste er noch zeigen. Daraus entstanden konkrete Aufgaben für das Coaching.

Nach den einzelnen Arbeitsphasen schickte ich ihr Aufnahmen oder rief sie an und fragte: So ist der Stand – wie siehst du das? Iris konnte dadurch überprüfen, ob die Entwicklung in die Richtung ging, die sie im Casting bereits als Potenzial erkannt hatte. Hinzu kamen Rückmeldungen von Regie und Produktion. Diese Wünsche wurden verschriftlicht und im nächsten Coaching-Schritt gezielt bearbeitet. Der Prozess war also nicht abstrakt, sondern überprüfbar: Es gab einen Ausgangspunkt, ein sichtbares Ergebnis und den nächsten konkreten Arbeitsschritt. Und ich habe selten erlebt, dass ein Casting Director so für die Schauspieler kämpft. Iris hat nicht allgemein oder aus Prinzip gekämpft, sondern für eine sehr konkrete künstlerische Überzeugung. Sie hatte diese Menschen gesehen und wusste, was in ihnen steckt. Dieses Vertrauen war die Voraussetzung dafür, dass ich überhaupt an dem Punkt übernehmen konnte.

Die Darstellenden brachten sehr unterschiedliche Erfahrungen mit. Wie hast Du sie auf eine gemeinsame Arbeit vorbereitet, ohne ihre Eigenart und Unmittelbarkeit zu verlieren?
Ob ausgebildeter Profi oder Anfänger*in: Ich hole jeden Menschen dort ab, wo er gerade steht, vermittle aber allen dieselbe gemeinsame Arbeitssprache. Zu Beginn trainierten wir deshalb mit denselben grundlegenden Werkzeugen wie unter anderem Entspannung, Repeat und Sense Memory. Alle lernten, die Partner*innen wirklich wahrzunehmen, Veränderungen im Gegenüber zu lesen und darauf unmittelbar zu reagieren. Gerade die Repeat-Übung schafft eine starke Verbindung. Wer fortwährend beobachtet, ob der andere tatsächlich zuhört, wie sich sein Blick, seine Haltung oder seine Energie verändert, kann nicht einfach eine vorbereitete Wirkung abspielen. Die Partner*innen beeinflussen sich gegenseitig. Dadurch entstand zwischen den drei Darstellern sehr schnell ein gemeinsames Verständnis davon, was authentisches Spiel bedeutet. Anschließend gab ich ihnen Improvisationen, die so nicht in den Drehbüchern standen, aber deren Konflikte und Beziehungen verdichteten. Sie mussten zunächst in ihrer eigenen Sprache erspielen, was zwischen den Figuren passiert. Wenn ein Partner dabei noch nicht auf dem Niveau des anderen war, arbeitete ich gezielt mit ihm weiter. Der stärkere reagierte darauf – hob sich ebenfalls an – wie in einem Pendelsystem. So wuchs das Ensemble gemeinsam, ohne dass jemand seine persönliche Eigenart verlor.

Wie unmittelbar diese Arbeit werden konnte, zeigt eine Probe in einem Hotelzimmer. Ein junger Darsteller sollte beweisen, dass er eskalieren kann. Ich spielte ihm einen rassistischen Gegenspieler, und er musste mich körperlich fixieren und angreifen. Zunächst war er zögerlich. Über Repeat und die konkrete Handlung tastete er sich so weit vor, bis die Situation ein Eigenleben entwickelte und vollkommen glaubwürdig wurde. Wir hatten in dem Hotelzimmer über längere Zeit geschrien, gestritten und uns geschubst – kurz darauf stand die Polizei vor dem Hotel. Authentischer lässt sich die Wirkung eines Coachings kaum überprüfen. Aus der Arbeit ist aber noch etwas anderes entstanden: Die drei wurden nicht nur vor der Kamera zu einem Ensemble. Sie haben sich gebondet, sind zu einer kleinen Familie geworden und stehen bis heute in engem Kontakt. Schauspielarbeit vermittelt also nicht nur Technik. Wenn Menschen sich wirklich aufeinander einlassen, können daraus reale Freundschaften entstehen.

Die Sicht der Produktion - drei Fragen an Anke Greifeneder

Im folgenden Gespräch gibt Anke Greifeneder Einblicke in die Entstehung von „4 Blocks Zero“ und spricht über die Entwicklung der Serie, die Figuren und die Zusammenarbeit mit Casting und Ensemble.

Die Geschichte von Toni Hamady galt nach drei Staffeln als auserzählt. Warum wolltet Ihr dennoch zu den Anfängen dieser Familie zurückkehren?
Wir hatten schon bei der Entwicklung von „4 Blocks“ das Gefühl, dass in dieser Welt und diesen Figuren noch eine Menge Geschichten stecken, die nie erzählt wurden. Wir wollten nicht nur wissen, was mit Toni Hamady passiert, sondern die Frage, wer Ali war, bevor er zu Toni wurde. Welche Entscheidungen, welche Konflikte und welche familiären Dynamiken haben diese Familie geprägt? Es war also nie die Idee, einfach etwas Bekanntes zu wiederholen, sondern die Chance, diese Welt aus einer neuen Perspektive kennenzulernen.

© Becker Lacour

Wie früh wurde Iris Baumüller in die Entwicklung einbezogen, und welche Erwartungen hattet Ihr an das Casting des neuen Hamady-Ensembles?
Das Casting war eine besondere Herausforderung, weil unsere Zuschauer*innen die Hamadys bereits kennen und eine starke Verbindung zu ihnen haben. Iris hat ja auch schon bei „4 Blocks“ das Casting übernommen und wusste, wohin sich die Charaktere entwickeln werden. Gleichzeitig mussten die Schauspielenden aber auch mit noch wenig bekannten und neuen Charakteren wie Ibrahim und Hanin als Familie funktionieren. Genau dafür hat Iris einen guten Blick. Daher war früh klar, dass wir sie wieder im Team haben möchten.

Was hat Iris Baumüller aus Deiner Sicht über die eigentliche Besetzung hinaus zu „4 Blocks Zero“ und zur Entstehung dieser neuen Familie beigetragen?
Ich glaube, Iris hat gemeinsam mit unseren Regisseuren Özgür Yıldırım und Hüseyin Tabak etwas geschaffen, das man eigentlich nicht casten kann: das Gefühl, dass diese Menschen tatsächlich eine Familie sind. Natürlich hat sie fantastische Schauspieler*innen gefunden. Aber darüber hinaus hat sie dafür gesorgt, dass die Chemie stimmt, dass Beziehungen glaubwürdig wirken und dass man diesen Figuren ihre gemeinsame Geschichte abnimmt.

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