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Der neue BVC-Vorstand im Interview

27.10.2026 | Redaktion

Seit 2003 vernetzen sich Casting Directors aus dem deutschsprachigen Raum im Bundesverband Casting (BVC) mit dem Ziel, ihre Interessen gemeinsam zu stärken, innerhalb der Filmbranche gebündelt sichtbar zu machen und durchzusetzen. Grundsätzlich setzen sie sich dafür ein, dass Casting Directors eine künstlerisch-kreative Berufsgruppe darstellen und als solche innerhalb der Branche wahrgenommen werden. Außerdem steht der BVC für gesellschaftspolitisch relevante Themen wie Diversität und Inklusion innerhalb der Besetzungen. Im Interview spricht der neue Vorstand über neue Herauforderungen und Ziele.

Karimah El-Giamal (Vorstand)
Karimah El-Giamal (Vorstand)
Sabine Weimann (Stellvertr. Vorstand)
Sabine Weimann (Stellvertr. Vorstand)
Deborah Congia (Stellvertr. Vorstand)
Deborah Congia (Stellvertr. Vorstand)

Ihr seid alle drei viel beschäftigte Casting Directors und engagiert Euch zusätzlich ehrenamtlich im Vorstand. Warum gerade jetzt und mit welchen gemeinsamen Zielen seid Ihr angetreten?
Als der Vorstandswechsel anstand, haben wir uns zu dritt zusammengefunden und schnell gemerkt, dass wir Lust haben, diese Aufgabe gemeinsam zu übernehmen. Uns war wichtig, die engagierte Arbeit unserer Vorgänger*innen fortzuführen, aber auch eigene Akzente zu setzen.

Im Mittelpunkt stehen für uns mehr Sichtbarkeit und Wertschätzung für den Casting-Beruf und eine stärkere Anerkennung seiner kreativen Bedeutung. Gleichzeitig wollen wir uns als Verband weiterhin aktiv in gesellschaftspolitische Themen einbringen, die unsere Branche und unsere Arbeit betreffen.

Was kann ein Berufsverband wie der BVC für seine Mitglieder und den Berufsstand konkret bewegen und wo braucht es dafür Partner*innen aus der Branche?
Der Austausch unter unseren Mitgliedern ist enorm wertvoll. Viele Casting Directors arbeiten allein. Im BVC können wir Erfahrungen teilen, uns gegenseitig stärken und einander auch für Projekte empfehlen. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist eine wichtige Grundlage unserer Arbeit.

Da wir eine relativ kleine Berufsgruppe sind, gelingt es uns sehr gut, über einzelne Interessen, Themen und auch Konflikte miteinander ins Gespräch zu kommen und Lösungen zu finden, für die in einem größeren Berufsverband vielleicht weniger Raum wäre. Darin sehen wir eine Chance, auch in die Branche hineinzuwirken und gemeinsam darüber nachzudenken, wie sich Arbeitsbedingungen, finanzielle Anerkennung und generell die Beteiligung an Erfolgen, zu denen Casting einen wesentlichen Beitrag leistet, angemessener gestalten lassen.

Wichtige Partner sind für uns Produktion und Regie. Vor allem diejenigen, die den kreativen Anteil unserer Arbeit anerkennen und Casting weniger als reine Dienstleistung verstehen.

Wie organisiert Ihr die Arbeit im Vorstand? Gibt es feste Zuständigkeiten oder Ressorts, welche Rolle spielen Arbeitsgruppen und wie können sich Mitglieder dort einbringen?
Wir treffen uns einmal pro Woche per Videocall und besprechen aktuelle Themen, E-Mails und Anfragen. Feste Ressorts haben wir nicht. Wir verteilen die Aufgaben je nach Thema. Einmal im Monat gibt es außerdem einen freiwilligen Jour fixe mit den Mitgliedern.

In Arbeitsgruppen können Mitglieder Themen mitgestalten – ganz nach Interesse und zeitlichen Möglichkeiten. Als kleiner Verband freuen wir uns über jedes Engagement, aber eine Mitgliedschaft verpflichtet niemanden zur aktiven Mitarbeit. Bei uns sind auch Casting Directors willkommen, die sich vielleicht nicht als „Verbandstypen“ sehen oder keine Kapazitäten für zusätzliche Aufgaben haben.

Welche Themen beschäftigen Casting Directors und damit den BVC derzeit besonders?
Mit großer Sorge beobachten wir einen Backlash bei diversen Besetzungen. Vielfalt scheint wieder stärker infrage gestellt zu werden. Gerade angesichts der politischen Entwicklungen, die wir etwa in Sachsen-Anhalt verfolgen, möchten wir uns klar für eine offene und vielfältige Gesellschaft positionieren. Casting prägt mit, wer sichtbar wird und wessen Geschichten erzählt werden. Darin sehen wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Deshalb wollen wir im Verband und mit der Branche im aktiven Austausch bleiben: Welche Veränderungen erleben wir, und wie können wir ihnen gemeinsam entgegenwirken?

Dazu planen wir auch ein Panel zum Thema „Vielfalt in der Besetzung – eine Bestandsaufnahme“ im Rahmen des Film Festival Cologne am 31. Oktober um 16:00 Uhr im Filmhaus Köln, Maybachstr. 111. Uns ist wichtig, dass unterschiedliche Perspektiven selbstverständlich auf der Leinwand und auf dem Bildschirm vorkommen. Gegen Ausgrenzung und rechtsextreme Vorstellungen müssen wir als Branche klar Haltung zeigen!

Struktureller Machtmissbrauch in der Filmbranche bleibt für uns ein weiteres zentrales Thema. Dazu sind wir im engen Austausch mit der Sektion Casting der Deutschen Filmakademie und mit Themis. Uns beschäftigt vor allem die Frage, wie wir verantwortungsvoll mit Fällen umgehen, die uns bekannt oder zugetragen werden. Da es sich um vertrauliche Informationen handelt, steht der Schutz der Betroffenen immer an erster Stelle. Gleichzeitig müssen wir Wege finden, Machtmissbrauch nachhaltig zu erkennen und zu benennen und Betroffene bestmöglich zu unterstützen. Das ist eine große Verantwortung, die wir nur im Austausch und mit professionellen Strukturen wahrnehmen können.

Uns beschäftigt aber auch die angespannte wirtschaftliche Lage der Branche und was sie für die Auftragslage und unsere Honorare bedeutet.

Die gesamte Branche steht wirtschaftlich unter Druck. Wie wirkt sich das auf Castingbudgets, Honorare und Arbeitsbedingungen aus und wo sieht der BVC Handlungsbedarf?
Die Kosten für Filmproduktion sind gestiegen, während die Budgets oft nicht Schritt halten können. Irgendwo muss diese Lücke aufgefangen werden. Der Druck landet häufig bei Schauspielenden und bei Gewerken ohne tariflich geregelte Gagen – also auch bei uns.

Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an unsere Arbeit. Besetzungen erfordern mitunter aufwendige Spezialrecherchen, für die weder zusätzliche Zeit noch eine entsprechende Vergütung eingeplant sind. Hier sehen wir Handlungsbedarf: Der tatsächliche Arbeitsaufwand muss sich in Planung und unserem Honorar widerspiegeln.

Auch für Schauspieler*innen verändert sich der Castingprozess, etwa durch Selftapes, digitale Castings und KI. Welche Entwicklungen seht Ihr positiv und wo braucht es klare Standards und faire Rahmenbedingungen?
Selftapes und digitale Castings ermöglichen es uns, auch Schauspieler*innen vorzuschlagen, die aus zeitlichen, finanziellen oder organisatorischen Gründen vielleicht nicht zu einem Live-Casting eingeladen worden wären. Das bietet Chancen, erweitert aber auch die Auswahl.

Gleichzeitig entsteht manchmal der Eindruck, ein Selftape sei „mal eben“ gemacht. Tatsächlich investieren Schauspielende viel Zeit in die Vorbereitung und Aufnahme. Auch für uns bedeutet die Sichtung und Begleitung der Anfragen erhebliche Arbeit. Dafür wünschen wir uns mehr Verständnis, angemessene Fristen und Budgets, die diesen Aufwand berücksichtigen.

Die ICDA hat Leitlinien für den Einsatz von KI im Casting vorgestellt, die der BVC unterstützt. Wo kann KI Eure Arbeit sinnvoll ergänzen und wo liegen für Euch die Grenzen?
KI kann dort sinnvoll unterstützen, wo sie organisatorische Aufgaben erleichtert und Zeit spart. Die Grenze liegt für uns bei der kreativen Arbeit: Besetzungsideen zu entwickeln, Schauspieler*innen einzuschätzen und Vorschläge zusammenzustellen, ist der Kern unseres Berufs. KI sollte uns mehr Raum für diese Arbeit schaffen.

Ab 2027 wird beim Deutschen Filmpreis erstmals eine Lola für das beste Casting vergeben. Auch international bewegt sich bei der Anerkennung des Gewerks einiges. Was bedeutet diese wachsende Sichtbarkeit für Casting Directors und was kann sie über einen Preis hinaus bewirken?
Die Lola ist ein wichtiger Schritt, weil sie Casting als künstlerisches Gewerk sichtbar macht. Noch immer gibt es viel Unwissen darüber, was unsere Arbeit tatsächlich umfasst und wie entscheidend wir mit unseren Besetzungsideen einen Film – und auch seine Finanzierung – mitgestalten.

Diese Anerkennung sollte sich deshalb auch im Arbeitsalltag widerspiegeln. Bei Besetzungsgesprächen mit Redaktionen und anderen Entscheider*innen ist unsere Teilnahme noch nicht überall selbstverständlich. Umso positiver erleben wir es, wenn ausdrücklich darauf bestanden wird, Casting Directors einzubeziehen. Unsere Vorschläge sollten gemeinsam mit uns diskutiert werden, damit unsere künstlerische Einschätzung Teil des Entscheidungsprozesses ist.

Ein Preis würdigt dabei nicht nur unsere Arbeit, sondern letztlich das gesamte Projekt. Wir hoffen, dass die größere Sichtbarkeit den kreativen Austausch stärkt, Casting als gestaltendes Gewerk etabliert und langfristig auch unsere Verhandlungsposition verbessert.

Wenn wir Euch am Ende Eurer Amtszeit erneut interviewen: Was möchtet Ihr bis dahin innerhalb des Verbands und für den Berufsstand erreicht haben?
Wir möchten erreichen, dass Casting selbstverständlich sichtbar ist: im Vorspann – gern endlich auch beim ZDF –, in Festivalkatalogen und in Drehstartmeldungen. Mit #whocastit machen wir auf fehlende Credits aufmerksam und wünschen uns, dass die Branche diese Initiative wahrnimmt und unterstützt.

Ebenso wichtig sind angemessene Honorare und Budgets, die unsere tatsächlichen Arbeitsbedingungen abbilden. Assistenz und Büroräume müssen wir häufig aus dem eigenen Honorar finanzieren, während diese Kosten bei anderen Gewerken selbstverständlich in den Kalkulationen berücksichtigt werden. Wenn es uns gelingt, hier strukturelle Verbesserungen zu erreichen, wäre das ein großer Schritt für unseren Berufsstand.

Innerhalb des Verbands möchten wir den Austausch und den Zusammenhalt weiter stärken – als Grundlage dafür, unsere gemeinsamen Interessen nach außen klar und wirkungsvoll zu vertreten.

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