Das gewisse Casting - Interview mit Regisseur Marc Rothemund
| Redaktion
Für die Besetzung des inklusiven Ensembles von „Das gewisse Etwas“ leitete Casting Director Sven Harjes eine deutschlandweite Darsteller*innensuche von Talenten mit Behinderung und begleitete die Produktion zugleich als Co-Director Inklusiv. Bei den Castings war auch Cast Me In mit Jacqueline May und Tina Thiele beteiligt. Das Casting der Schauspieler*innen ohne Behinderung – der „Normalos“, wie es ein Mitglied des Ensembles mit Behinderung einmal augenzwinkernd formulierte – übernahm Nessie Nesslauer.
Nach einem Juwelenraub verstecken sich Alex (Max von der Groeben) und sein Vater Karlo (Florian Lukas) ausgerechnet bei einer Gruppe junger Erwachsener mit Beeinträchtigung, die mit ihren Betreuenden (Mala Emde, Jasmin Schwiers, Lorenzo Germeno) gerade in den Sommerurlaub aufbrechen. Die beiden Ganoven geben sich kurzerhand als der fehlende Mitreisende Otto und dessen Betreuer aus – eine fast perfekte Tarnung. Mit der Flucht vor der Polizei beginnt ein außergewöhnliches Abenteuer, das allen Beteiligten nicht nur ungeahnte Herausforderungen beschert, sondern auch jede Menge Spaß, große Gefühle – und eine neue Sicht auf das Leben.
Eine warmherzige Komödie, die Freundschaft feiert und Lebensfreude versprüht! Basierend auf dem französischen Millionenhit „Un p'tit truc en plus“ zeigt sie auf berührende Weise, wie aus Unterschieden echte Nähe entstehen kann. Mit feinfühligem Witz inszenierte Erfolgsregisseur Marc Rothemund eine zutiefst menschliche Geschichte über Freundschaft, Vielfalt und Einzigartigkeit. Im Interview spricht Regisseur über die Entstehung dieses außergewöhnlichen Ensembles, die gemeinsame Arbeit vor und hinter der Kamera sowie darüber, warum beim Casting Spielfreude und Teamgeist genauso wichtig sind wie Handwerk und Leidenschaft.
Der Film startet am Donnerstag, 3. September 2026, in den deutschen Kinos.
© Constantin Film
GESPRÄCH MIT REGISSEUR MARC ROTHEMUND
Im Interview spricht Regisseur Marc Rothemund über die Entstehung dieses außergewöhnlichen Ensembles, die gemeinsame Arbeit vor und hinter der Kamera sowie darüber, warum beim Casting Spielfreude und Teamgeist genauso wichtig sind wie Handwerk und Leidenschaft.
In den letzten Jahren hat sich wohl niemand im deutschsprachigen Kino so erfolgreich mit den Themen Inklusion, Neurodivergenz oder körperlichen Beeinträchtigungen auseinandergesetzt wie Sie. Woher kommt Ihre Verbundenheit zu Themen dieser Art?
Ich bin aufgewachsen mit der Tochter von Freunden meiner Eltern, die von Geburt an beeinträchtigt und in der Kindheit eine meiner besten Freundinnen war. Letztlich suche ich mir Filme aus, um auch etwas für mein eigenes Leben zu lernen. So war es bei „Das bescheuerte Herz“ und bei „Wochenendrebellen“ genauso wie bei „Heute bin ich blond“. Für mich ist Kino als Window to the World eine Möglichkeit, eine Reise zu unternehmen und mir bisher eher Unbekanntes kennenzulernen. Ich habe keine Filmhochschule besucht, als Fahrer, Script Supervisor, Aufnahmeleiter angefangen und habe mich - schon immer, wenn ich die Auswahl hatte - für die Projekte entschieden, die die größte Herausforderung darstellten.
Trifft das auch auf „Das gewisse Etwas“ zu?
„Das gewisse Etwas“ war bei der Entscheidungsfindung vor einem Jahr mit Abstand die Nummer eins der Herausforderungen – obwohl die Geschichte erstmal einfach klingt. Das Ziel war jedoch kein Remake, sondern eine Neuverfilmung von „Un p'tit truc en plus“. Die Grundlage haben die Franzosen geliefert – und die fand ich genial. Da die synchronisierte Version in Deutschland nicht so erfolgreich lief wie das Original in Frankreich, haben wir gelernt, was man vielleicht ein bisschen besser, ein bisschen emotionaler machen kann. Wir haben gänzlich andere Schauspieler*innen, wir haben andere Motive, eine andere Sprache und Tonalität. Keiner spielt eine Rolle nach, jede:r sollte und wollte seine oder ihre Figur für sich selbst entdecken und kreieren – und das so wahrhaftig wie möglich. Mir war auch die Herausforderung bewusst, an 34 Drehtagen einen Sommerfilm in den Bergen zu drehen, mit einer Reisegruppe mit vielen Schauspieler*innen mit kognitiver Beeinträchtigung und den schon berühmten Stars. Entsprechend glücklich bin ich darüber, wie gut das allen zusammen gelungen ist. Alle Heads of Department, Kamera, Kostüm, Maske, Szenenbild, Ton und Produktion haben an einem Strang gezogen, alle Beteiligten vor und hinter der Kamera haben unter den gegebenen Umständen ihr Bestmögliches gegeben. Es war ein großes Miteinander, und deswegen sind wir auch davon überzeugt, dass „Das gewisse Etwas“ etwas Besonderes ist und zur richtigen Zeit in Deutschland in die Kinos kommt.
„Das gewisse Etwas“ greift viele Themen auf, die sich wie ein roter Faden durch Ihre Filmografie ziehen. Ein weiteres Beispiel ist der Konflikt zwischen Vater und Sohn.
Für mich ist das neben der Annäherung zwischen Alex usnd Polly einer der wichtigsten Subplots, der natürlich ein enormes Identifikationspotenzial birgt: Nicht nur das Eintauchen in die Welt von Betreuenden und Menschen mit Beeinträchtigung, sondern auch die Reibungen, das Loslassen und das Bevormunden, die Fragen, wann man sich gegenseitig respektiert und wie, und wann man seinen eigenen Weg geht. In Alexs Fall gibt es noch zusätzliche Hürden: Seine Mutter ist früh gestorben, sein überforderter, alleinerziehender Vater Karlo konnte sich selbst nie von seinem eigenen dominanten Vater befreien, steht auch nicht mit beiden Beinen im Leben und ist auf die schiefe Bahn geraten. Dass dieser Konflikt zu einem guten Ende mit Läuterung und Erlösung führt, dass Karlo sich ein Herz fasst und merkt, was wirklich wichtig ist – ich glaube, das kann einen gar nicht unberührt lassen.
Ihr Humor ist feinfühliger als in der französischen Vorlage – aber ein politisch unkorrekter Witz liefert nun mal oft die besten Pointen. Gab es im Vorfeld Diskussionen darüber, ob man in Deutschland sensibler mit dem Thema Beeinträchtigung umgehen muss? Wo haben Sie – oder die Schauspieler*innen – eine Grenze gezogen?
Selbstverständlich gab es ein Sensitivity Reading des Drehbuchs. Aber auch unsere Schauspieler*innen mit Beeinträchtigung haben alle eine gewisse Lebenserfahrung und sind sich ihrer kognitiven Herausforderungen absolut bewusst. Sie alle haben schon Menschen wie Karlo getroffen, der am Anfang voreingenommen und unwissend in die Geschichte hineingeht, auf alle herabblickt und die Mitreisenden oft auch unbewusst beleidigt. Alle wussten: Um eine solche emotionale Reise zu erzählen, in der es darum geht, Vorurteile abzulegen, braucht es jemanden, der diese verkörpert, damit er am Ende lernen kann, dass wir alle in einem Boot sitzen und die gleichen Stärken und Schwächen haben. Wahrscheinlich hat der inklusive Cast sogar mehr Humor bewiesen, weil er einfach offener ist. Wenn einer einen Hänger hatte und ein anderer ihn ermahnte: „Jetzt konzentrier dich mal!“, kam schon mal ein „Ey Mann, ich bin behindert!“ zurück. Alle waren sehr offen, spielten mit offenen Karten und weit geöffneten Herzen und trugen so mit allem, was sie geben konnten, zur Entstehung dieses außergewöhnlichen Kinofilmes bei.
Haben die Schauspieler*innen eigene Erfahrungen in die Rollen eingebracht, die so nicht im Drehbuch standen?
Der inklusive Cast hatte im Vorfeld die Möglichkeit, den Figuren jeweils eigene Vorlieben, Charakterzüge, Angewohnheiten und Emotionen zu verleihen und sich ihre Rollennamen auszudenken. Dabei waren alle gefordert, vom Kostüm- bis zum Make-up-Department. Es war ein gemeinsames Suchen und Finden: Wie erfülle ich die Rolle? Welche Emotionen gebe ich ihr mit? Was ziehe ich an? Wie werde ich geschminkt? Alles wurde so miteinander geplant und verteilt, dass Defizite berücksichtigt und Stärken hervorgehoben wurden. Es ergab dann auch absolut Sinn – aber man musste erst einmal dahinterkommen – dass die Dialoge besser aus einfacher strukturierten Sätzen bestanden und nicht zu verschachtelt oder kompliziert waren. Natürlich wurde auch auf alle anderen eingegangen. Ich denke, ich habe versucht, alle Schauspieler*innen mit meiner Leidenschaft und Begeisterung für die Figuren anzustecken, sie zu motivieren, sich dieser tollen Aufgabe und Herausforderung der jeweiligen Rolle zu stellen und sie sich zu eigen zu machen.
Wie sind Sie an das Casting herangegangen?'
Sehr von Vorteil war natürlich, dass auch unser inklusiver Cast – oder die meisten von ihnen – schon professionelle Schauspieler*innen waren und ihren echten Betreuer, besser gesagt ihren Assistenten Sven Harjes, der auch deren Casting leitete und mich als Co-Regisseur unterstützte, als Fels in der Brandung an ihrer Seite wussten. Das heißt, sie können zwar noch nicht allein von der Schauspielerei leben, aber sie hatten bereits Erfahrungen vor der Kamera und einige von ihnen sogar Hauptrollen. Alles andere ist wie beim Fußball: Man braucht das beste Team und nicht die besten Einzelspieler. Man muss sehen, wie alle miteinander harmonieren, ob sie sich mögen und ob sich ein Mannschaftsgeist entwickelt. Das erkennt man nicht gleich beim ersten Händeschütteln. Wenn man ein Ensemble zusammenstelle, zählen meines Erachtens Spielfreude und Teamgeist genauso wie Handwerk und Leidenschaft. Das sind die Parameter. Genau wie bei „Das bescheuerte Herz“ oder „Wochenendrebellen“ war auch hier klar, dass wir und der Film nur so gut sein würden, wie jeder Einzelne. Das war unsere Priorität, das hatten alle verinnerlicht – auch Max, Mala, Jasmin, Lorenzo und Florian. So wurde daraus ein intensives, soziales Miteinander, und zwar nicht nur vom „Und bitte!“ bis „Danke!“ einer Einstellung. Vom Schminken und Anziehen bis zum Ende eines Drehtags, zwischen den Takes und in der Mittagspause waren wir eine Gemeinschaft und füreinander da. Es war eine echte Teamleistung, die jeder bestmöglich gemeistert hat, und darauf bin ich sehr stolz.
Hatten Sie von Anfang an eine klare Vorstellung von der Besetzung der Hauptfiguren?
Unser aller Wunsch-Hauptdarsteller, also auch der von den fantastischen Constantin Film-Produzenten Viola Jäger und Patrick Zorer, war Max von der Groeben. Ich hatte zwar noch nicht mit ihm gedreht, aber ich kannte ihn persönlich und wusste, was für ein feiner, großherziger und gütiger Mensch und hervorragender Schauspieler er ist. Dank des unglaublichen Erfolgs der drei „Fack Ju Göhte“-Filme, in denen er den Danger so toll verkörpert hatte, hat er inzwischen fast schon so einen ähnlichen Bekanntheitsgrad wie Elyas M’Barek, Matthias Schweighöfer oder Florian David Fitz in ihrer Generation. Er selbst war anfangs etwas skeptisch, weil er sich mit der Rolle des Alex, der sich auf der Flucht vor der Polizei ja als Reisegruppenmitglied mit Beeinträchtigung ausgeben muss, welche vielleicht der Figur des Danger hätte zu sehr ähneln können. Das Tolle an der französischen Vorlage ist jedoch, dass die „Filmfiguren mit Beeinträchtigung“ Alexs gespielte Tarnung schon am ersten Tag durchschauen, ihn mögen, unterstützen und decken, während die Betreuenden bis fast zum Schluss ahnungslos bleiben. Die Herausforderung lag dann aber viel mehr in dem besonderen Wechselspiel zwischen den beiden zu spielenden Rollen, seinem echten Alex und dem von ihm gespielten Otto, für den er sich ja ausgeben kann, weil der echte Otto zu spät zur Busabfahrt ins Ferienlager kam, was Max in meinen Augen grandios und herzerwärmend gelungen ist. Es macht mich genauso glücklich wie ihn, dass sich meine Vorhersage erfüllt und er alle Schwierigkeiten und Herausforderungen gemeistert hat: die Liebesgeschichte, den Vater-Sohn-Konflikt, das Zusammenspiel mit dem Ensemble und vor allem das Hin- und Her-Switchen. Das war wirklich eine grandiose Leistung von Max!
Max von der Groeben und Jasmin Schwiers haben ihre Wurzeln im Comedy-Bereich, Mala Emde und Florian Lukas eher im dramatischen Fach. Spielte dies beim Casting eine Rolle?
Mir war das schon bekannt, aber es war mir nicht so wichtig wie deren große Spektrum, die Vielfältigkeit, die Professionalität und die Fähigkeit, die unterschiedlichsten Rollen und Genres zu bedienen. Ich bin schon immer Fan der Filme von Florian Lukas, „Good bye, Lenin!“ oder „Absolute Giganten“, aber er hat auch klassische Dramen oder eine Serie wie „Weissensee“ gedreht. Mala ist soo lustig in der Serie „Oh Hell“, hat aber auch schon Anne Frank gespielt. Das bewundere ich sehr, und ich versuche ja letztlich auch, diese Bandbreite mit Filmen von „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ bis „Harte Jungs“ abzudecken. Sonst wäre es auch langweilig. Ich habe irgendwann einmal gedacht: Wenn ich jetzt nur noch Komödien machen müsste, würde ich den Beruf wechseln. Ein Publikum zum Weinen zu bringen, ist eine Herausforderung, aber kaum etwas im Vergleich dazu, es zum Lachen zu bringen. Jetzt versuche ich so oft wie möglich, Lachen und Weinen, Drama und Komödie in einem Film zu vereinen – so wie es letztlich im echten Leben ja auch ist.
Ist „Das gewisse Etwas“ eine klassische Wohlfühlkomödie?
Auf jeden Fall! Es werden Vorurteile abgelegt, Freundschaften geschlossen, Hürden überwunden und Unglücke sowie Pechsträhnen überstanden. Es gibt Läuterung, Einsichten, Erkenntnisse und ein so überraschendes wie berührendes Happy End für viele Figuren, die unglaublich viele Lasten im Gepäck hatten und zahlreiche Hindernisse überwinden mussten. Sie alle lernen etwas, wovon sich wohl manch anderer auch eine Scheibe abschneiden könnte.
Wenn wir über den Lernprozess sprechen: In der Theaterwelt ist Inklusion bereits ein Stück weit Normalität. Wo sehen Sie im Kino den größten Nachholbedarf?
Ich bin sehr froh, dass sich die Zeiten fortschrittlich und zum Besseren entwickeln, in denen Schauspieler*innen ohne jene Beeinträchtigung Filmfiguren mit Beeinträchtigung gespielt haben. Ich finde es einen riesigen Schritt und wahnsinnig wichtig, dass Zeit und Mühe investiert werden, um möglichst vielen Schauspieler*innen mit Beeinträchtigung, also einem inklusivem Cast eine Chance zu geben. Der Umgang mit dem Thema Inklusion ist anscheinend in vielen Ländern relativ unterschiedlich. In Deutschland sind die Vorurteile, Ängste und Hemmschwellen aus einer Vielzahl von Gründen womöglich größer als in anderen Ländern. Bürokratische Hindernisse sind weit verbreitet, und in puncto Barrierefreiheit gibt es noch viel zu verbessern. Ich denke, da gibt es noch einiges zu tun, und ich bin neugierig, wie das deutsche Publikum jetzt auf unseren Film reagiert.
Wenn man Vorbehalte hat, wie auch gewisse Figuren in unserer Geschichte, ist es vermutlich nicht ganz einfach, sich dazu zu überwinden, obwohl es ja überhaupt gar nicht nötig und nur eine Einbildung ist. Deshalb stellen sich unsere Stars mit Beeinträchtigung bald schon im Vorfeld in den sozialen Netzwerken vor. So können sie zeigen, dass man mit ihnen genauso lachen kann wie mit anderen oder über andere. Auch für mich war es ein Geschenk auf diese Weise meinen eigenen Horizont so erweitern zu dürfen. Jeder Mensch ist gleich, jeder hat seine Stärken und Schwächen, Beeinträchtigungen und besonderen Bedürfnisse, jeder hat den gleichen Wert und ist gleich zu behandeln. Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar. Es dürfen keine Unterschiede gemacht werden. Ich hoffe so sehr, dass „Das gewisse Etwas“ zu noch viel mehr Miteinander und Unvoreingenommenheit beiträgt, dass der Film auf offene Herzen und Ohren stößt und auch weiterempfohlen wird und alle Zuschauer*innen etwas daraus mitnehmen werden – so wie die meisten von uns vor und hinter der Kamera von diesen ganz besonderen Dreharbeiten.