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Carola Studlar: Die Hoffnung sind für mich immer die Menschen

15.09.2026 | Redaktion

Ein Gespräch über 35 Jahre Agenturarbeit, Pioniergeist und Produktionsdruck, über KI-Avatare und starke Produzent*innen, über Ausbildung, Fortune und die seltene Fähigkeit, auf einer Bühne innerhalb weniger Minuten eine „Perle“ zu erkennen.  Carola Studlar, einst erfolgreiche Kulturjournalistin, gehörte zu jener neuen Generation von Agent*innen, die das bis dahin geschlossene System der sogenannten Alt-Lizenzen aufbrach.

Noch bevor das eigentliche einstündige Interview begann, sprachen Tina Thiele und Carola Studlar über Familienbetriebe, über Loyalität in schwierigen Zeiten und über das Herz, das in einer Arbeit spürbar bleibt. Das war ein beiläufiger Auftakt – und zugleich schon das Thema dieses Gesprächs.

Denn wenn Carola Studlar auf mehr als 35 Jahre als Agentin zurückblickt, erzählt sie nicht zuerst von Verträgen, Gagen oder Karrierestrategien. Sie erzählt von Menschen, vom genauen Hinsehen, von Verantwortung und von einem Beruf, den sie 1990 mit nichts als journalistischer Erfahrung, einem langen Brief an die Bundesanstalt für Arbeit und ziemlich viel Mut begonnen hat.

Als Mitinitiatorin des Verbands der Agenturen für Film, Fernsehen und Theater begleitete sie Laufbahnen über Jahrzehnte hinweg und blieb dabei stets einer Überzeugung treu: Am Anfang steht der Stoff. Erst danach stellt sich die Frage, mit welchen Menschen daraus etwas Wahrhaftiges entstehen kann - und in der Konsequenz auch für wen.

© Max Motel

Du sagtest vorhin: „Familienbetriebe sind die mit Herz.“ Ist das vielleicht schon eine ganz gute Beschreibung dessen, was Du selbst aufgebaut hast?
Ja, wahrscheinlich. Das Persönliche war für mich immer wesentlich. Eine Agentur ist für mich keine anonyme Vermittlungs-Maschine. Sie lebt davon, dass man einander kennt, dass man miteinander denkt, dass man Verantwortung übernimmt. Das heißt nicht, dass alles immer harmonisch ist. Aber es muss ein Verhältnis sein, in dem Vertrauen möglich ist – und in dem auch Widerspruch möglich bleibt.

Du hast Deine Agentur 1990 gegründet. Damals gab es nur eine kleine Zahl staatlich lizenzierter Agenturen, das System war sehr geschlossen. Du und einige Kolleg*innen galten als die neue Generation. Wie bist du überhaupt hineingekommen?
Ich musste damals eine Lizenz bei der Bundesanstalt für Arbeit beantragen. In München-Süd sagte man mir sinngemäß: Es gebe bereits genug Lizenzen, eine weitere brauche man nicht. Ohne diese Lizenz hätte ich aber gar nicht arbeiten dürfen – das wäre Schwarzarbeit gewesen. Also wandte ich mich an die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Dort erklärte mir ein Betreuer, ich müsse warten, bis jemand sterbe, dann könnte ich vielleicht eine bestehende Lizenz übernehmen. Da dachte ich: Das kann es doch nicht sein.

Ich kam aus einer privilegierten Situation, denn ich war eine erfolgreiche Journalistin im Feuilletonbereich. Ich war nicht arbeitslos und stand nicht mit dem Rücken zur Wand. Also schrieb ich diesem Betreuer einen etwa zehn Seiten langen Brief. Darin habe ich beschrieben, was mit den neuen Privatsendern auf uns zukommen würde: Sie würden sehr schnell sehr viel Programm erstellen müssen. Dafür würden sie Schauspielende und andere Kreative brauchen – und Menschen, die diese Talente erkennen, beraten und vermitteln können.

Während unseres darauf folgenden persönlichen Gesprächs bekam er immer größere Augen und sagte irgendwann: Da ist etwas dran. Dann herrschte erst mal drei Monate Funkstille. Anfang Januar 1990 kam ein Brief. Ich würde eine neue Lizenz bekommen. Das fand ich sensationell.

Das klingt, als hättest du einen Markt gesehen, den die Behörde noch gar nicht gesehen hat.
Ja, aber danach musste ich auch wirklich springen. Ich kündigte meinen sicheren und sehr gut dotierten Job und sprang beherzt ins kalte Wasser. Ich hatte damals im Agenturbereich nichts vorzuweisen. Ich war blank, hatte aber eine klare Vision. So einen Start kann man sich heute wahrscheinlich kaum noch vorstellen.

Und trotzdem war die Entscheidung keine Laune. Du kanntest die Filmbranche bereits sehr genau.
Ich hatte als Journalistin viele Reportagen an Drehorten gemacht, über Kinofilme und Fernsehproduktionen. Ich habe nie in einem anderen Bereich journalistisch gearbeitet. An den Sets wurde ich immer wieder gefragt: „Wollen Sie mal das Drehbuch lesen?“ Mich interessierten nicht nur die einzelnen Darsteller*innen. Mich interessierten Regie, Kamera, Drehbuch – dieser gesamte Kosmos: Wie fügt sich das zusammen? Was ist gut? Was könnte man besser machen?

Einige Leute fragten mich irgendwann, ob ich nicht Lust hätte, mir die Branche von der anderen Seite anzusehen. Ich selbst war auf die Idee zunächst gar nicht gekommen. Was mich zögern ließ, war der Gedanke: Ich bin keine Juristin. Dann sagte ich mir, juristischen Beistand kann man sich holen. Ich hatte großes Glück und fand sehr schnell mit Jochen Strate einen hervorragenden Anwalt, der sich im Medienbereich auskannte. Er sagte: „Das machen wir.“ Ich bin wirklich ein Glücksmädchen, das kann ich dir sagen. Heute halte ich mich manchmal für eine Halbjuristin – aber das ist natürlich ein kleiner Scherz.

Wer hat dir am Anfang dieses Vertrauen geschenkt?
Mein erster Klient war, soweit ich mich erinnere, Peter Sattmann – ein wunderbarer Mensch und ein großartiger Schauspieler. Viele kennen ihn vor allem aus Film und Fernsehen, ich habe ihn noch am Schillertheater auf der Bühne gesehen. Dann kamen Schauspielende aus „Rote Erde“. An Dorthe Braker sagte zu mir: „Kümmern Sie sich mal um die Rote-Erde-Leute.“ Ich antwortete: „Wenn die wollen, dann mache ich das.“  Ich konnte meinen Klient*innen nur erzählen, dass ich diese Arbeit gut machen wollte. Ich wusste, dass ich Inhalte einschätzen kann, denn ich war und bin eine gute Dramaturgin. Ich wollte ja ursprünglich zum Theater, habe in Wien Theatergeschichte und Germanistik studiert, ich brachte also etwas mit – nur eben noch keine Agenturgeschichte, kein Praktikum, nix.

Viele denken bei Agent*innen zuerst an Verträge. Bei Dir klingt es, als sei das künstlerische Urteil der eigentliche Anfang.
Absolut. Natürlich gehören gute Verträge dazu. Aber es ging immer auch um Beratung: Was ist wichtig für eine Laufbahn? Was erzählt ein Stoff? Was kann eine Rolle für diesen Menschen bedeuten? „Rote Erde“ steht für mich auch für das Erkennen einer jungen Generation von Schauspielenden, die damals noch kaum jemand kannte, die sich mit diesem Projekt auf den Markt brachten und bis heute präsent sind.

In dieser Zeit entstand überhaupt vieles neu. An Dorthe Braker gründete mit Risa Kes und Sabine Schroth das legendäre Casting-Trio. Sabine Schroth hatte den Beruf des Casting Directors aus den USA mitgebracht. Risa Kes hatte Verbindung in die Staaten. Für die Branche war das ein wichtiger Moment: Plötzlich bildeten sich neue Berufe und neue Formen der Zusammenarbeit heraus. Da kamen Marlis Heppeler, Bernhard Hoestermann, Sigrid Narjes, Mechthild Holter, zusammen mit Heike-Melba Fendel und andere hinzu. Wir hatten keine Ahnung, dass wir einmal eine solche Ansammlung von erfolgreichen Alphatieren sein würden. (lacht)

Aus dieser Generation entstand später auch der Verband der Agenturen (VdA). Welche Idee stand hinter der Gründung?
Wir lernten uns über Festivals und Menschen kennen, die uns miteinander vernetzten. An Dorthe Braker brachte mich mit Bernhard Hoestermann zusammen. Dafür bin ich ihr bis heute dankbar, weil das menschlich wie beruflich eine großartige Begegnung war. Dann entstand  „Full House“, unser gemeinsamer Empfang während der Berlinale. Ich erinnere mich an einen verregneten Nachmittag in Hof. Bernhard Hoestermann sagte: „Lasst uns etwas bei der Berlinale machen.“ Und die, die zufällig am Tisch saßen, machten mit. Wir wollten uns präsentieren und gesehen werden. Aber wir wollten dem Beruf auch ein Profil geben. Wir waren junge, engagierte Leute, die ihre Arbeit reflektierten, die analysieren und gestalten wollten. Die etablierten Kolleg*innen hatten mit uns zunächst wenig im Sinn. Wenn man nicht gewollt ist, muss man sich eben selbst fragen: Wofür stehen wir? Was können wir beitragen? Aus diesem Impuls wurde dann eine gemeinsame Stimme und schließlich ein Verband.

Was ist von diesem Gründungsimpuls heute noch wichtig?
Das kollegiale Denken. Wir sind auf dem Markt zwar auch Konkurrent*innen, aber es gibt Themen, bei denen man nur gemeinsam weiterkommt. Und natürlich das Bewusstsein, dass Agenturarbeit nicht nur Vermittlung ist. Sie ist inhaltliche Beratung, Interessenvertretung, manchmal Schutzraum und sehr oft Übersetzungsarbeit zwischen künstlerischen und wirtschaftlichen Bedürfnissen.

Teilnehmer*innen des VdA-Panels beim Filmfest München 2026 © Michael Leigh Cook
Teilnehmer*innen des VdA-Panels beim Filmfest München 2026 © Michael Leigh Cook

Wenn du auf mehr als 35 Jahre Agenturarbeit zurückblickst: Was hat sich am stärksten verändert?
Der Arbeitsdruck, die Geschwindigkeit, die Schnelllebigkeit. Auch das Feld dessen, was Fiction innerhalb von Sendern und Plattformen sein kann, ist ungeheuer breit geworden. Die technischen Möglichkeiten haben sich so gesteigert, dass einem schwindlig werden kann.

Ich musste mich über all die Jahre immer wieder bewusst zurückhalten und beim Drehbuch, also beim Inhalt, anfangen. Erst frage ich: Worum geht es? Für wen wird das produziert? Und dann: Mit wem stellen wir diesen Film oder diese Serie auf die Beine? Wer führt Regie, wer macht die Kamera? Wie erschaffen wir diesen kleinen Kosmos und in der Konsequenz auch für wen, für welches Zuschauerpotential.

Diese Fragen geben mir Kraft, und sie geben mir Zeit für Denkprozesse. Heute empfinde ich die Branche zeitweise als Produktions-Hamsterrad: Hauptsache, es wird produziert, produziert, produziert. Dann muss ich mich zurücknehmen und fragen: Moment – worum geht es eigentlich? Mit einer relativ kleinen Agentur-Formation fällt mir das vielleicht leichter. Aber ich will vom Inhalt nie weg.

Du kehrst also immer wieder zu deinem journalistischen Urkern zurück: erst lesen, dann urteilen.
Genau. Der Inhalt ist mein Ausgangspunkt. Nicht das Tempo, nicht das Label und auch nicht die bloße Sichtbarkeit.

Die Privatsender waren in den Neunzigerjahren für viele Schauspielende ein Sprungbrett. Was war damals möglich, das heute schwieriger geworden ist?
Mit RTL, Sat.1, ProSieben und den anderen Sendern entstand plötzlich ein enormer Bedarf. Die Menschen wurden gebraucht. Casting-Leute holten Schauspielende teilweise direkt von den Schulen – oder bildlich gesprochen von der Straße. Gleichzeitig wusste am Anfang niemand genau, wie sich die einzelnen Sender profilieren würden und wofür sie einmal stehen sollten.

Das Volumen hat sich seither auf jeder Ebene gesteigert. Es gibt viel mehr Darsteller*innen, Regisseur*innen und Drehbücher, viel mehr Menschen mit kreativer Energie. Das ist spannend und grundsätzlich etwas Tolles. Aber diese Energie muss auch kanalisiert werden.

Früher konnte jemand mit zwei oder drei sehr guten Arbeiten wirklich Aufsehen erregen. Es gab deutlichere Sprungbretter und klarere Zuschreibungen: Die einen arbeiteten fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen, die anderen für die Privaten, andere wollten ausschließlich Theater und Kino machen. Heute ist das Feld breiter, fragmentierter und unübersichtlicher. Sichtbarkeit entsteht schneller – eine Laufbahn deshalb aber noch lange nicht.

Streaming, internationale Auswertungen und Buyouts haben den Beruf noch einmal grundlegend verändert. Was ist Dein Kompass in dieser neuen Unübersichtlichkeit?
Für mich steht der Schutz der kreativen Menschen an erster Stelle. Ich schaue mir neue Möglichkeiten an. Was ist daran hilfreich? Was erleichtert Produktion? Wo können Kosten sinnvoll reduziert werden? Aber bei all dem darf nicht aus dem Blick geraten, dass hier Menschen arbeiten. Das gilt nicht nur für Schauspielende, sondern ebenso für Schreibende, Kameraleute, Kostümbildner*innen und alle anderen Gewerke. Ihre originäre Arbeit muss geschützt werden. Technik kann unterstützen. Sie darf den kreativen Menschen aber nicht entwerten oder unsichtbar machen.

Damit sind wir bei Künstlicher Intelligenz. Du hast einmal von der Idee erzählt, einen Avatar von Robert Redford zu vermarkten. Hörst Du dir so etwas noch neugierig an?
Ich bin grundsätzlich jemand, der erst einmal zuhört. Solche Ideen sind ein Synonym für die Zeit, in der wir leben. Aber bei einem künstlich fortgeschriebenen Schauspieler steige ich aus. Das wäre für mich eine seelenlose Angelegenheit. Menschen spüren, wo Wahrheit und Authentizität liegen.

Warum schaue ich mir einen Film an? Weil mir etwas ins Herz strömt. Weil mir dieser Film etwas gibt, das ich sonst nicht bekomme. Das kann ich in einer vollständig reproduktiven Konstruktion nicht erkennen. Bleiben wir bei Robert Redford: Dieser Mann hat so viel in seinem Beruf geleistet, Menschen mit seinen Rollen begeistert und sein Leben mit diesen Rollen verbracht. Er ist für mehrere Generationen ein originärer, legendärer Filmschauspieler. Und wir haben seine Filme. Wozu brauchen wir einen seelenlosen Reproduktor?

Die Branche steckt derzeit in einer schwierigen Phase. Wie nimmst du die Stimmung wahr?
Uns fehlt vor allem Planbarkeit. Wir haben nach wie vor kein verlässliches Steueranreizmodell. Produktionen und damit sehr viel Geld wandern in andere europäische Länder ab – Geld, das wir hier dringend brauchen, damit die Menschen in den Gewerken existieren können. Förderinstrumente und Investitionsverpflichtungen werden diskutiert, verändert, verzögert. Für unabhängige Produzent*innen ist es außerordentlich schwer, über Jahre zu planen.

Ich bin im Agenturgewerbe mit sehr starken Produzent*innen groß geworden. Sie hatten eine größere Hoheit über ihre Rechte, konnten Rechte behalten oder fair zurückbekommen und neu verwerten. Das war eine starke Generation. Wir müssen diese Menschen und diesen Beruf wieder stärken.

Du meinst nicht nur kulturpolitisch, sondern ganz ausdrücklich auch wirtschaftlich.
Natürlich. Ein Produzent muss Geld verdienen dürfen. Der darf Porsche fahren und ein Haus auf den Malediven haben – entscheidend ist, dass er gut aufgestellt ist, damit er investieren, Stoffe entwickeln, Menschen ansprechen und eine Gruppe von Kreativen um eine Idee versammeln kann. Künstlerische Freiheit braucht wirtschaftlichen Spielraum. Wer bei jedem Entwicklungsschritt schon vollkommen abhängig ist, kann kein echtes Risiko mehr eingehen.

Früher konnten Produzent*innen mit einem nahezu fertigen Paket zum Sender gehen.
Denken wir an Otto Meissners „Liebling Kreuzberg“ mit Jurek Becker als Autor und Manfred Krug als Hauptdarsteller. Da war eine entwickelte Idee und eine Gruppe von Kreativen, die hinter dem Projekt stand. Otto Meissner ging als Produzent zum Sender und sagte: Hier ist mein Paket, ihr müsst nur noch ja sagen. So etwas wäre heute beinahe undenkbar. Dieses Beispiel zeigt, was Vertrauen und unternehmerischer Mut ermöglichen können. Jemand muss in der Lage sein, etwas finanziell zu stemmen, auf Menschen zuzugehen und reifen zu lassen, bevor es bestellt wird.

Wo siehst du trotzdem Hoffnung?
Die Hoffnung sind für mich immer die Menschen. Der menschliche Austausch und die Frage „Was wollen wir?“ sind durch keine KI und keine Technik zu ersetzen. Ich stelle mir vor, Bernhard Hoestermann würde uns heute wieder an einen Tisch holen und sagen: „Kinder, lasst uns erst einmal genau hinschauen “

Auch die Agenturen vertreten heute längst nicht mehr nur Schauspielende, sondern ebenso die Gewerke Regie, Drehbuch, Kamera, teils Kostüm oder Komposition. In diesem Feld gibt es hochbegabte junge Menschen. Wenn wir uns wieder gegenseitig erkennen, zuhören, analysieren und Verantwortung übernehmen, dann liegt darin Hoffnung.

Du verwendest oft das Wort „aufbauen“. Ist das etwas, das der Branche verloren zu gehen droht?
Ja, früher war es selbstverständlicher, bei einem großen Talent nicht nur auf den nächsten Job zu schauen, sondern auf eine Entwicklung. Es ist wichtig, jemandem die Möglichkeit zu geben, einzelne große und gute Schritte zu gehen, von bestimmten Schritten abzuraten und nicht überall einzusteigen. Eine Laufbahn verträgt nicht jede Sichtbarkeit, Menschen können sich auch verschleißen.  Ich wollte und will auf jeder Ebene Qualität.

Was macht für Dich Talent aus? Woran merkst Du: Mit diesem Menschen möchte ich arbeiten?
Professionell bleibt für mich eine gute Ausbildung wesentlich. Und je älter ich werde, desto wichtiger ist mir, dass zwei Dinge zusammenkommen: Begabung und Charakter. Am unmittelbarsten hat sich mir Begabung immer auf der Bühne vermittelt. Jemand wirft dir seine Energie und seine Strahlkraft entgegen – und plötzlich ist alles klar. Und wenn zu dieser Begabung noch ein anständiger Charakter kommt, dann ist das ein Luxuspaket.  Ich brauche Strahlkraft. Und ich brauche bei der Zusammenarbeit das Gefühl, dass wir wirklich gemeinsam denken können. Eine Agentur ist immer dann stark, wenn Agent*innen und Klient*innen wirklich zusammenarbeiten – nicht nebeneinander her.

Also nicht das größte Agentur-Label, sondern die richtige Beziehung?
Ich glaube nicht, dass man unbedingt das „richtige“ Label braucht. Man braucht Individualität und den richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt. Auch in einer großen Agentur muss man innerhalb des Labels immer den Menschen finden, mit dem dieser Austausch gelingt.

Heute kann sich fast jede*r mit einem Smartphone sichtbar machen. Social Media, Eigenproduktionen und Vertical Storytelling eröffnen neue Wege. Kann das Ausbildung, Agentur und Netzwerk ersetzen?
Nein. Aber es kann sie ergänzen. Junge Schauspielende bringen heute oft bereits ein eigenes Netzwerk und ein sehr genaues Wissen über bestimmte Plattformen mit. Das ist wertvoll. Meine jungen Leute bringen Kontakte und Perspektiven mit, die ich gar nicht haben kann.

Ich wiederum habe mein internationales Netzwerk über viele Jahre aufgebaut. Manchmal brauche ich diese Kontakte wochenlang gar nicht. Und dann werden sie plötzlich entscheidend. Wenn ich fünf Casting Directors aus London um einen Termin für einen jungen Mann oder eine junge Frau bitte, dann sagen sie vielleicht: „Wenn Carola Studlar darum bittet, wird etwas an diesem Menschen dran sein.“ Das ist ein Beispiel für Vertrauen, das über Jahre entsteht. Jede Generation will auch die eigene Generation entdecken. Im besten Fall befruchten sich diese Netzwerke gegenseitig.

Gab es Momente, bei denen Du bei einem Talent sofort wusstest: Das ist eine echte Perle?
Immer wieder – auch bei Menschen, mit denen ich später gar nicht gearbeitet habe. Das ist vollkommen unabhängig von einem Vertrag. Fast immer waren es Bühnen-Erlebnisse: bei den Salzburger Festspielen, beim Sommertheater in Österreich, manchmal auch in der Oper. Ich habe offenbar eine angeborene Fähigkeit, besondere Energie sehr schnell aufzunehmen. Vielleicht ist es eine Form von Sensibilität. Es gibt Menschen, die mehr wahrnehmen als andere und schneller von falscher Musik oder einer unstimmigen Atmosphäre genervt sind.

Ein bisschen wie ein Trüffelschwein im Wald der Talente?
Ja, vielleicht. (lacht) Es gibt immer wieder Perlen – manchmal sogar das, was man eine Jahrhundert-Begabung nennen könnte. Aber nicht jede Knospe blüht so auf, wie man es sich erhofft. Manchmal bleibt eine Entwicklung aus Gründen des Privatlebens oder anderer Umstände stecken. Diese Menschen sind deshalb nicht weniger kostbar. Aber bei zwei oder drei schaue ich bis heute hin und denke: Das hatte ich mir anders gewünscht.

Talent allein reicht also nicht.
Nein, neben Begabung braucht es die richtigen Beziehungen, eine gute Beratung, sehr viel eigene Arbeit – und Fortune. Christoph Waltz ist dafür ein großartiges Beispiel. Für seine entscheidende Rolle standen damals noch andere Schauspieler zur Wahl. An solchen Entscheidungen hängen ganze Laufbahnen. Das ist nicht einfach und ohne Glück geht es nicht.

Wenn man für andere so viel Verantwortung trägt: Wie wichtig ist es, bei sich selbst zu bleiben?
Sehr wichtig. Man muss gut mit sich umgehen. Ich habe mein Leben lang darauf geachtet, bei mir zu bleiben und mich nicht zerspreißeln zu lassen. Ich trage Verantwortung für Menschen, denen ich tagtäglich gerecht werden will. Von außen wird oft gar nicht wahrgenommen, wie viel Energie dieser Beruf braucht. Sehr viele Menschen klopfen an, viele wollen ein Ohr, viele brauchen Rat. Und natürlich braucht auch eine Agentin hin und wieder einen Motivationsschub. Schauspielende denken selten darüber nach, wie sie ihre Agentin oder ihren Agenten motivieren könnten. (lacht)

Worauf bist Du besonders stolz?
Darauf, dass ich immer mit Menschen arbeiten durfte, die es wert waren. Manche gingen nach fünf oder zehn Jahren, manche kamen zurück, manche nicht. Aber die Zeit, die wir intensiv miteinander verbracht haben, war in diesem Moment richtig, gut und wertvoll. Agenturarbeit ist sehr intensiv. Für diese Beziehungen bin ich dankbar.

Stolz bin ich auch darauf, dass ich mit meinen Leuten immer ehrlich und offen über Stoffe und Inhalte sprechen konnte. Ich musste niemanden bitten: „Mach diese Rolle, ich brauche das für meine Agentur.“ Davon war ich frei. Der Kern blieb: Ich bin die Agentin, wir lesen gemeinsam ein Drehbuch, sprechen über den Stoff und über die Rolle. Dann treffen wir eine Entscheidung – oder genauer: Die Schauspielerin oder der Schauspieler trifft sie. Nicht die Agentin. Das hätten Agent*innen manchmal vielleicht gern, aber so ist es nicht. (lacht)

Gab es auch mal Kompromisse?
Natürlich habe ich Kompromisse gemacht. Ich prägte irgendwann den Satz: „Wir machen die Rolle, denn die Kinder brauchen Schuhe.“ Wenn es für jemanden wirtschaftlich gerade notwendig war, trat mein künstlerischer Einwand dahinter zurück. Aber das geschah selten und wurde nie zum wesentlichen Kriterium meiner Arbeit.

Wichtig war mir, eine Form zu finden, in der jeder Mensch sein Gesicht behalten konnte. Niemand sollte denken müssen: „Oh Gott, meine Agentin will das nicht.“ Ich bin Dialogpartnerin. Ich gebe Rat und halte auch einmal dagegen. Aber die Entscheidung liegt bei der Person, denn es ist ihr Leben und ihre Laufbahn.

Dein Rat hatte vermutlich trotzdem Gewicht – manchmal vielleicht gerade im Flüsterton.
Das hoffe ich. Ich habe mich immer an der Spur entlang gehangelt, die ich in dem jeweiligen Moment für richtig hielt. Vielleicht ist eigensinnig nicht das passende Wort. Aber ich konnte standhalten. Es ist in all diesen Jahren so viel Tolles gelungen – nicht nur uns, sondern auch den Kolleg*innen dieser Generation. Alphatiere par excellence. (lacht)

Die deutschen Filmemacher haben bei mir immer Priorität. In diesem jahr waren meine Kino-Momente geprägt von IIlker Cataks „Gelbe Briefe“, Markus Schleinzers „Rose“, Johanna Moders „Mothers Baby“ und Simon Verhoevens „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.

Wenn Du heute noch einmal ganz am Anfang stündest: Würdest Du wieder Agentin werden?
Auf jeden Fall. Heute ist dieser Beruf noch wichtiger als damals. Natürlich würde ich wahnsinnig gern mit der Erfahrung und dem Wissen von heute noch einmal starten. Dann könnte ich die junge Generation noch besser unterstützen.  Für mich hat der Beruf immer ein dienendes Element. Ein Produzent sagte einmal zu mir: „Sie sind schon eine mächtige Frau.“ Ich bin richtig erschrocken. Wenn ich eines nicht sein will, dann jemand, der Macht ausübt. Mir ist das völlig fremd. Für mich hat diese Arbeit einen hohen Dienstleistungscharakter. Wenn man ein gutes Selbstwertgefühl hat, kann man mit großer Freude hinter anderen Menschen stehen. Dann ist alles leicht.
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Castings: „Gelbe Briefe“ Ceren Sena Akdeniz | „Rose“ Katrin Vorderwülbecke, NRW: Angel Pinar | „Mothers Baby“ Eva Roth (VOeCD) | „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ Nina Haun (ICDA), Kinder & Jugendliche: Patrick Dreikauss

Agentur Carola Studlar

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